Andreas Venzke

 

++ Gleitschirmflieger geborgen  ++

Freiburg, den 08.06.02

Am Samstag Nachmittag endete der Gleitschirmflug eines 42-jährigen Mannes aus Freiburg nicht, wie geplant auf einer Wiese in Günterstal, sondern in den Gipfeln einiger Bäume im Langenbachtal, am Fuße des Schauinsland. Der Mann war am Schauinslandgipfel gestartet, verlor auf Grund der schwierigen, lokalen  Thermikverhältnisse zu schnell an Höhe und landete unfreiwillig in einem ca. 15 m hohen Baum. Über Handy wählte er den Notruf. Die Schnelleinsatzgruppe der Bergwacht Schwarzwald war nach 30 Minuten vor Ort. Sein Vorhaben, sich vom Schirm zu befreien und den Baum selbständig herunterzuklettern, hatte der Flieger inzwischen zum Glück aufgegeben. Mit Hilfe seiner Rettungsschnur konnte der Pilot die Speleo- Leiter zu sich hochziehen und am Baum befestigen. Zur Sicherheit legte der Bergwachtretter, der in den Baum hoch geklettert war, dem Mann einen Rettungsgurt an. So gesichert wurde der Mann unverletzt zum sicheren Boden abgelassen. Die anschließende Bergung des Schirms erwies sich als sehr schwierig und zeitraubend. Die zahlreichen Leinen hatten sich in mehreren Laubbäumen verfangen, so dass einige Äste abgesägt werden mussten. Erst nach vier Stunden, davon allein 3 Stunden zur Bergung des Schirms, konnten die Bergwachtretter den Einsatz beenden.

Cornelia Männel, Pressereferentin,
Bergwacht Schwarzwald e. V. (BWS)

 

 

Andreas Venzke: Schau ins Land?

Am Samstag, den 8. Juni, hat es mich leider am Schauinsland "erwischt" – ich hatte eine Baumlandung. Zwar weiß ich, dass hier jegliche Objekt-Konstruktion unangebracht ist, weil es für einen solchen Fall nichts zu beschönigen gibt, weil eine Außenlandung immer von einem Pilotenfehler herrührt, trotzdem bin ich mir über die Ursache meines Missgeschicks nach wie vor im unklaren.
So war der Ablauf: Es ist etwa 12.30 Uhr. Mit meinem Paratech P 60, einem "2-er"-Schirm, starte ich bei einem schwachen überregionalen Nordwestwind (gemeldet mit 6 bzw. 8 km/h) mit einer schwachen Ablösung. Ich habe sofort recht starkes Sinken, kann aber noch über den Grat an der Holzschlägermatte fliegen; dort finde ich etwas Thermik und kann bis fast auf Startplatzhöhe aufsteigen. Mit ausreichender Höhe mache ich mich dann auf zur "üblichen" Strecke, wie ich sie inzwischen oft genug geflogen bin: Hinüber zum Kahlschlag. Auf diesem Weg habe ich sehr starkes Sinken, sodass ich am jenseitigen Hang ziemlich tief ankomme. Ich fliege dort entlang, erwarte Thermik, wenigstens ein paar Ablösungen, verflucht! – und habe weiterhin nur Sinken. Als ich merke, dass ich es wahrscheinlich nicht zur Mittelstation schaffen würde, entscheide ich mich, die einzig verbliebene Route zum Landeplatz zu wählen: Ich überfliege wieder die Seilbahn und folge dem Langenbachtal. Dort habe ich dann ein Sinken, als wäre die Titanik schon unter Wasser. Ich wende mich noch an den linken Hang, versuche es am rechten, habe manchmal ein wenig Steigen von 0,1 oder 0,2, sonst aber konstant starkes Sinken mit Werten zwischen 2 und 3. Bald fliege ich so knapp über den Bäumen hinweg, dass ich es, den Landeplatz greifbar nahe, nicht mehr über den letzten leichten "Anstieg" schaffe. Ich entschließe mich, direkt an einer Lichtung, mit einem Weg daneben, in die Bäume zu gehen. Kontrolliert setze ich beinahe so gefedert auf wie bei einem Sprung ins Heu.
Unverletzt und merkwürdig unaufgeregt (seit Minuten ahnte ich, was kommen würde) richte ich mich auf dem Baum ein – die ganze Zeit halte ich ihn wie einen Freund umarmt, oder eher, wegen der Intimität zwischen uns beiden: wie eine Freundin. Per Handy wähle ich den Notruf, zwei Männern, die an der Blockhütte unter mir eine Grillfeier vorbereiten, rufe ich zu, ebenfalls die Polizei zu informieren (sie würden am besten wissen, wo ich mich befand) und warte dann ab. (Ich habe noch das nette Bild vor Augen, wie die beiden Männer angestrengt mein "Hallo!", "Hier!", "Hier oben!" zu lokalisieren versuchten!) Nach etwa einer Stunde werde ich schließlich "gerettet", also vom Baum abgeseilt, mein Schirm nach langer Zeit hinterher.
Fazit: Ich weiß nicht recht, was ich falsch gemacht habe. Ich hatte vor dem Start gesehen, dass ein Schirm bereits in der Luft war und ordentlich Höhe gemacht hatte. In Erinnerung bleibt mir allerdings, dass zwei Kollegen noch meinten, es sei Wind von Nordwest. Der war jedoch nach meiner Erkundigung und auch nach Augenschein schwach. Zudem schien bereits seit Stunden die Sonne und am Startplatz gingen Ablösungen durch. Völlig überraschend war insbesondere das überaus starke Sinken im Langenbachtal. Ein so ausgeprägtes Lee von so schwachem überregionalem Wind konnte es dort eigentlich nicht geben. Möglicherweise trug an jenem Tag der starke Regen des Vortags dazu bei, dass die gesamte Schneise ausgekühlt war. Immerhin habe ich lebhaft in Erinnerung, dass der Bach unter mir so viel Wasser führte, dass ich mich, im Baum sitzend, angesichts des Rauschens kaum verständlich machen konnte ... Aber ich will den Grund nicht außerhalb von mir suchen. Ich hätte vielleicht schon nach dem Start merken müssen, dass gerade etwas nicht "stimmte", hätte also direkt von der Holzschlägermatte aus zum Landeplatz fliegen sollen. Nur ging ich eben davon aus, dass doch Thermik zu erwarten war, und ein solch weiträumiges starkes Sinken, wie ich es antraf, hätte ich mir angesichts der "guten" Verhältnisse nie vorstellen können. Zu meinem schwachen Trost hörte ich dann zweimal die Meinung, es gebe am Schauinsland mittags die Situation, dass die Thermik zunächst wieder zusammenbricht, ehe sie sich dann neu aufbaut – trotzdem bliebe die Frage nach der Ursache für mein wie unendlich lang andauerndes starkes Sinken, bei schwachem Nordwest und mittags bei kräftigem Sonnenschein.
Nun ja, ich danke jedenfalls der Bergwacht für ihre ganz wunderbare Hilfe, die sich dann über Stunden hinzog, weil sich mein Schirm dummerweise in zwei Bäumen verfangen hatte, mit dem rauschenden Wildbach dazwischen.
Nach nunmehr 30 - 40 Flügen am Schauinsland habe ich als Anfänger, der ich eigentlich noch bin, schlagartig wieder den nötigen Respekt vor diesem Fluggelände bekommen, den ich zwischenzeitlich wohl verloren hatte. Das mir zur Lehre, wenigstens das!
Sonst natürlich: Asche auf mein Haupt. (Und ich kam gerade vom Sicherheitstraining – und habe noch dazu ein Buch über die Anfänge der Fliegerei geschrieben! Hat alles nichts genutzt.)

Andreas Venzke
Colibri-News (Mitgliederzeitschrift des Gleitschirmclubs Colibri e. V.)


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