Andreas Venzke


Goethe und des Pudels Kern


 

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Besprechungen: "Goethe und des Pudels Kern"
Arena-Verlag, Würzburg 2007


"Dieses Jugendsachbuch kann man nur als rundum gelungen bezeichnen. Dem Autor Andreas Venzke gelingt es, Goethes ereignisreiches Leben und seine aus heutiger Sicht komplizierten und gerade für Jugendliche oft schwer verständlichen Werke jungen oder auch weniger jungen Lesern nahe zu bringen. Man möchte dieses kleine Büchlein nicht nur interessierten Jugendlichen, sondern auch frustrierten Schülern ans Herz legen, denn: 'Manche Menschen finden es schwierig, Werke zu lesen, die so alt und anspruchsvoll sind. Aber wenn man lernt, sie zu verstehen, sind sie so reich und spannend wie das ganze menschliche Leben.'"
rezensionen.ch

"Eine gelungene Biographie, die leicht und spannend zu lesen ist, ob man nun 10 oder 99 Jahre alt ist."
Kinder- und Jugendmedien Aargau

"[...] lässt viele Einblicke in das damalige Leben zu. [...] Und siehe da: So klassisch angestaubt ist das alles gar nicht, was man noch aus dem früheren Deutschunterricht kennt."
Die Rheinpfalz

"[...] unterhaltsam, anschaulich und informativ."
Nordbayrischer Kurier

" Wie kann es gelingen, den 'König der Dichter' in all seinen Facetten zu porträtieren? Nur indem man ihn auf sichtbare Augenhöhe mit seinen LeserInnen [sic!] bringt [...]"
Jugendliteratur aktuell

"So macht Bildung Spaß!"
Westfalen-Blatt

"Der Autor schafft es mit dem Kinderbuch einen spielerischen Eindruck vom Leben Goethes zu geben. Während des Lesens bekommt man nicht das Gefühl belehrt zu werden, sondern einen interessanten Roman zu lesen. [...] Ein wunderbares Buch zur Einführung in die deutsche Literaturgeschichte."
Greta Demuth, Kulturmd.de


Leseprobe aus "Goethe und des Pudels Kern"


Vorwort:

Johann Wolfgang von Goethe gilt als eines der letzten Universalgenies, einer der Menschen, die noch die ganze Welt verstehen wollten. Vor allem aber kennt man ihn als einen der größten Dichter, die es in Deutschland je gegeben hat.
    Doch Goethe war noch viel mehr als nur Schriftsteller. Im Laufe seines langen Lebens leitete er ein Theater, beaufsichtigte die Feuerwehr, musterte Soldaten für die Armee, schuf Hunderte von Zeichnungen, sammelte Tausende von Steinen, studierte die Pflanzen, machte Versuche mit den Farben des Lichts und untersuchte menschliche Knochen. Außerdem bereiste er fast jeden Winkel Deutschlands. Goethe versuchte jeden Tag seines Lebens mit Aufgaben zu gestalten und möglichst immer schöpferisch zu sein. Wie seine große Figur Faust war er von einem starken Forscherdrang besselt – er strebte sein Leben lang nach Wissen um den wahren Kern der Dinge. Er saß aber auch gern in Gesellschaft und aß und trank gut. Und bis an sein Lebensende machte er Frauen den Hof.
    Mit Goethe sinkt eine Welt ins Grab, hieß es über ihn. Er hat ein ganzes Zeitalter beeinflusst. Dieses Buch berichtet von dieser Zeit und dem Leben dieses großen Dichters, von seinen wichtigsten Werken und von den Dingen, die ihn bewegten.

Kindheit in Frankfurt

Dass mein Leben etwas Besonderes ist, zeigt sich schon bei meiner Geburt. Ich habe deswegen später die Astrologen gefragt, an die ja immer noch viele glauben – ich auch. Sie sind begeistert darüber, wie bei meiner Geburt die Sterne am Himmel stehen. Nur der Mond ist mir nicht gewogen. Ich kann erst zur Welt kommen, als er untergegangen ist. Zuerst hält man mich für tot. Die Hebamme aber reibt meine Brust mit Wein ein und bringt mich so zum Atmen. Am Freitag, den 28. August 1749, werde ich, Johann Wolfgang Goethe, zur Mittagszeit geboren.
    Ich bin das erste von fünf Kindern. Leider sterben zu meiner Zeit noch viele Kinder bei der Geburt, manchmal stirbt auch die Mutter selbst. Meine Mutter Catarina Elisabeth bringt noch fünf Kinder zur Welt, aber nur eines überlebt: meine Schwester Cornelia, die ich sehr liebe.
    Ich stamme nicht gerade aus einer armen Familie. In unserem Haus in Frankfurt, das viele Zimmer auf vielen Stockwerken hat, sind Frauen und Männer angestellt, die für uns kochen und putzen und auch mit uns Kindern spielen.
    Sonst spielt die Großmutter mit uns. Zu ihr gehen wir am liebsten. Sie erzählt die schönsten Geschichten und liest uns vor. Aber die größte Überraschung hat sie für uns an dem Weihnachten vorbereitet, als ich vier bin: In ihrem geräumigen Wohnzimmer lässt sie ein Puppenspiel aufführen. Als die kleinen Holzfiguren plötzlich zu leben beginnen, sitze ich mit offenem Mund da.
    Mein Vater Johann Caspar sorgt dafür, dass ich eine gute Ausbildung bekomme. Ich muss dafür gar nicht in die Schule gehen. Die Lehrer kommen zu mir ins Haus. Mein Vater nennt sich Kaiserlicher Rat, und weil er viel Geld geerbt hat, muss er nicht arbeiten gehen. Er gibt mir schon mit drei Jahren selbst Unterricht. Ich lerne auch fechten und reiten und tanzen. Als ich gut lesen und schreiben kann, ermuntert mich mein Vater immer wieder Geschichten und Gedichte zu schreiben. Ich habe viel Spaß daran. Wenn ihm eine meiner Geschichten gefällt, drückt er mir manchmal ein Geldstück in die Hand.
    Mein Vater selbst schreibt ein Reisebuch über Italien, wohin er als junger Mann gereist ist. Er zeigt mir immer wieder Zeichnungen aus diesem Land, besonders aus Rom, dieser großen, alten Stadt. Er schwärmt so sehr davon, vom Kolosseum, von der Peterskirche, der Engelsburg, als wollte er eigentlich dort wohnen und nicht in Frankfurt.
    Als ich sechs bin, höre ich von einem schrecklichen Geschehen, das mir keine Ruhe mehr lässt. Ein Erdbeben hat die große Stadt Lissabon in Portugal zerstört. Die Erde bebte und schwankte, das Meer brauste auf, die Schiffe stießen zusammen und die Häuser stürzten ein. Es gibt in Lissabon viel mehr Tote als Frankfurt Einwohner hat. Von da an vergewissere ich mich immer wieder, ob unser Haus fest steht. Die Erwachsenen können mir nicht erklären, warum dieses Erdbeben geschehen ist. Es gibt große Kräfte in der Welt, sagen sie, die unergründlich sind. Der liebe Gott kann das eigentlich nicht gewollt haben, glaube ich.
    Bald lese ich viele und auch berühmte Bücher. Darunter sind die Klassiker der Antike, der alten Griechen und Römer, Homer vor allem und Vergil. Natürlich lese ich auch die Bibel. Besonders ziehen mich aber die deutschen Volksbücher, Sagen und Märchen an und ich höre von einer eigenartigen Geschichte, von einem Mann namens Doktor Faust. Er hat seine Seele dem Teufel verschrieben, um ganz neue Geheimnisse zu erfahren. Diese Sage beschäftigt mich. Ich verstehe diesen Doktor Faust ein wenig, dass der immer noch mehr wissen will. Nichts macht so viel Spaß wie das Lernen.
    Mit sieben lerne ich wieder etwas Neues: Die Menschen führen Kriege. 1756 kommt es zu einem großen, dem so genannten Siebenjährigen Krieg. Fast ganz Europa ist beteiligt. So kommt es, dass französische Soldaten Frankfurt besetzen. Alles geht drunter und drüber. In vielen Häusern werden Franzosen einquartiert – auch bei uns. Unser Soldat ist der Stadtkommandant Graf François de Thoranc, ein belesener und kluger Mann. Er wird mein Freund. Ich spreche Französisch mit ihm und er erzählt mir von seinem Land und von der Kunst. Er liebt die Malerei und holt sogar einige der angesehensten Frankfurter Maler in unser Haus. Sie sollen ihm Gemälde für die noch kahlen Wände seines Schlosses in Frankreich malen. So etwas habe ich noch nie gesehen: Da füllen diese Maler die Leinwand mit Farbe und es entsteht auf der weißen Fläche ein Bild, als könnte man hineingreifen. Ich würde auch gern Maler werden.
    Die Jahre vergehen und ich mache immer mehr eigene Erfahrungen und gehe eigene Wege. Längst bin ich kein Kind mehr. Als mir der Bart sprießt, schlägt mir mein Vater vor Jura zu studieren, am besten zuerst in Leipzig. Von dort könnte ich nach Wien gehen, weiter nach Italien, dann nach Paris. Ich stimme ihm zu. Als 16-Jähriger kenne ich das enge Frankfurt nun zu gut. Es ist ein Nest. Ich will die Welt sehen. Im Oktober 1765 ziehe ich zum Jura-Studium nach Leipzig.

Deutschland zu Goethes Zeiten

Als Goethe geboren wurde, gab es noch keinen deutschen Staat so wie heute. Stattdessen gab es über 300 kleinerer und größerer Staaten, die alle ihre eigene Politik betrieben und meistens von adeligen Herrschern, also von Fürsten, Herzögen, Grafen und so fort, regiert wurden. Es reichte das Wort eines Adeligen, um etwas zu entscheiden.
    Anders ging es zu in einer Stadt wie Frankfurt am Main. Frankfurt hatte sich seit dem Mittelalter zu einer der größten Städte Deutschlands entwickelt. Es war ein Stadtstaat mit 30.000 Einwohnern, eine »Freie Reichsstadt«. Hier hatte nicht mehr der Adel das Sagen, sondern eine bestimmte Klasse der Bevölkerung, die Patrizier: Kaufleute und Händler und Bankiers und Beamte. Wer in Frankfurt so sein Geld verdiente, entschied zusammen mit den anderen Patriziern über das Schicksal der Stadt. Es gab also bereits eine Art von Demokratie. Die Patrizier waren so angesehen und hatten so viel Einfluss, dass Goethe, der selbst dieser Klasse entstammte, schrieb: »Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich.«
    Die Freiheit in einer solchen Freien Reichsstadt galt aber nicht für die Mehrheit der Bevölkerung, die Bauern, Arbeiter, Tagelöhner und Diener. Sie durften im Rathaus der Stadt nicht mitentscheiden. Ihnen war genau vorgeschrieben, wie sie sich zu verhalten hatten. Ein Tischler konnte nicht einfach einen Weinhandel eröffnen, die Tochter eines Zimmermanns den Sohn eines Bankiers heiraten oder ein Schuster mit dem Mantel eines Stadtoberen stolzieren.
    Goethe als Patrizier freilich war in dieser Hinsicht keinen Beschränkungen unterworfen. Trotzdem fühlte auch er sich als junger Mann unfrei, in geistiger wie in praktischer Hinsicht. Noch war die Stadt von einer Mauer umgeben, mit Toren darin, die abends geschlossen und erst morgens wieder geöffnet wurden. Die Häuser standen dicht an dicht und besonders im Winter fehlte es an Licht und Wärme. Das Denken der Bürger reichte nicht über die Mauern der Stadt hinaus. Alles folgte engen Regeln und Vorschriften. Am Grün der Natur und an der Freiheit des Denkens konnte sich nur ergötzen, wer die Stadtmauer hinter sich ließ.




Weitere Bücher von Andreas Venzke

 "Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus". Benziger-Verlag, Zürich 1991

 "Christoph Kolumbus" [rororo-Monographie]. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1992

 "Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks" [Kontroverse zu diesem Buch ]. Benziger-Verlag, Zürich 1993

 "Veit und ein anderer Tag". Oetinger-Verlag, Hamburg 1996

 "Zwei Fluchten". Oetinger-Verlag, Hamburg 1997

 "Tarzan auf dem Mammut". Oetinger-Verlag, Hamburg 1998

 "Carlos kann doch Tore schießen". Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999

 "Gasparan oder Die letzte Fahrt des Francis Drake". Benziger-Verlag, Zürich 1996

 "Der Grasesser". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001

 "Pioniere des Himmels - Die Brüder Wright. Eine Biografie". Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002

  "Luther und die Macht des Wortes". Arena-Verlag, Würzburg 2007

 "Gutenberg und das Geheimnis der Schwarzen Kunst". Arena-Verlag, Würzburg 2008

 "Humboldt und die wahre Entdeckung Amerikas". Arena-Verlag, Würzburg 2009

  "Schiller und die Freiheit des Geistes". Arena-Verlag, Würzburg 2009

  "Leben für den Frieden". Arena-Verlag, Würzburg 2009

  "Ötzi - Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Scott, Amundsen und der Preis des Ruhms". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Kleist und die zerbrochene Klassik". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Berlin Berlin - Geschichte einer Nation". Arena-Verlag, Würzburg 2011
 
 

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