| Johannes Gutenberg? Den Namen kennt man - irgendwie. Das ist doch ein
berühmter Deutscher, der Erfinder des Buchdrucks?! Aber sonst?
Sonst hat man vielleicht einmal jenes Porträt gesehen, das meist mit dem Namen "Johannes Gutenberg" verbunden wird. |
| Doch ist auch dieses sogenannte "Thevet-Porträt", wie alle Darstellungen
des Buchdruck-Erfinders, nicht authentisch. Überhaupt ist aus dem
Leben des Johannes Gutenberg wenig überliefert.
Sonst vor allem gibt es eine ganze Wissenschaft, die sich mit den Anfängen des Buchdrucks beschäftigt, auch und besonders mit Johannes Gutenberg. Nun hat sich in Freiburg ein Autor herausgenommen, eine Biographie über Johannes Gutenberg zu veröffentlichen, die ein wenig Unruhe hervorgerufen hat. "Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks" nennt sich diese Biographie, die 1993 von Andreas Venzke im Benziger-Verlag veröffentlicht wurde. Venzkes (nicht eben revolutionäre) Thesen messen sich am bestehenden Bild über den Buchdruck-Erfinder und lauten im wesentlichen: Gutenberg war kein betrogenes Genie, sondern ein ausgebuffter Geschäftsmann und auch zu seiner Zeit kein Vorbild an tugendhaftem Lebenswandel. Gutenberg war kein "Künstler", sondern selbst nur ein "Imitator" (nämlich der Handschriftenvorlagen). Gutenberg konnte die Folgen seiner Erfindung nicht vorausgesehen, geschweige intendiert haben. Im Nachwort seiner Gutenberg-Biographie liest sich das so: "Gutenberg ein vorwärtsgewandter, moderner Mensch, jemand, der dem Geist der Aufklärung ein Lichtlein entzünden wollte, der nur das Große, Schöne zu schaffen beabsichtigte? Mitnichten. Was immer man als Antriebe gelten läßt, idealistische, nationalistische: Das Bild des hehren Geistesmenschen Gutenberg ist erst Jahrhunderte nach seinem Tod geschaffen worden; und es ist - mehr oder weniger intakt - bis heute bewahrt geblieben. Daß die Persönlichkeit des Buchdruck-Erfinders als so makellos, rein und tugendhaft porträtiert werden konnte, liegt sicher an der unbefriedigenden Quellenlage zu seinem Leben. Derart lückenhaft ist seine Biographie überliefert, daß manchmal aus einem einzigen dokumentierten Beleg (wie "yezunt nit inlendig" zu sein) auf ganze Lebensabschnitte geschlossen werden muß. Dies erklärt jedoch nicht, warum noch heute dieses bestimmte Bild von Gutenberg besteht, das des Geniemenschen, der - nur dem Ideellen zugewandt und den schnöden Mammon verachtend - alles für seine Erfindung gegeben habe, um doch am Ende so schnöde betrogen zu sein. Dieses Bild entstand erst in den Köpfen all jener, die das "Segensreiche" des Buchdrucks notwendig auf dessen Erfinder übertragen sehen wollten. Wahre "Kombinationskünstler" haben dabei das Kunststück fertiggebracht, die Biographie des verehrten Meisters nicht nur zu entstellen, sondern in ihr Gegenteil zu verkehren. Denn das Gegenteil eines Idealisten war Gutenberg. Der Mainzer hat als verschlagener Geschäftsmann zu gelten, der sich stets, wenn nötig rücksichtslos, seinen materiellen Vorteil zu verschaffen suchte. Geschäftliches in großem Maßstab bestimmte sein Leben. In diesem Sinne gab er sich zwar Neuem hin, blieb jedoch gesellschaftlich dem Alten verhaftet. Als adeliges Kind der Zeit zählte er zu den Streitsüchtigsten seiner Klasse, so unversöhnlich, daß er sich in der Auseinandersetzung zwischen Patriziern und Zünftlern möglicherweise mit seinem eigenen Bruder überwarf - und er durch diesen Streit schließlich die Freiheit seiner Heimatstadt hinzugeben half. Selbst im (modernen) Hinblick auf seinen Charakter ist Gutenberg in keiner Weise geeignet, positiv herausgestellt zu werden. Immerhin verhaftete er eigenmächtig und eigenhändig den Mainzer Stadtschreiber Nicolaus von Werstad und gab ihn erst nach gerichtlicher Aufforderung wieder frei, überzog er den ehrsamen Schottenlawel öffentlich mit schlimmsten Schmähworten, brach er der Adeligen Ennel von der Iserin Türe das Eheversprechen. Hitzköpfig, lärmend und rabiat muß er aufgetreten sein. Vorbild einer tugendhafter Persönlichkeit war Gutenberg gewiß nicht. Was schließlich die mit seinem Namen verbundenen Druckwerke angeht, insbesondere die "Gutenberg-Bibel", so können auch diese in der Einschätzung nicht absolut gesetzt werden: Aus der Schönheit der ersten Mainzer Wiegendrucke hat man ja wieder auf Gutenbergs Schönheitssinn geschlossen, und umgekehrt. Dabei hat man sich in seinem Urteil derart verstiegen, daß in der Forschung wegen etlicher "minderwertiger" Drucke gar ein "unbekannter Drucker" erfunden wurde und man als Resultat dieser Betrachtungsweise im übrigen ein verheerendes Bild von seinen Partnern Fust und Schöffer entworfen hat. Trotz (oder wegen) seiner umwälzenden Erfindung blieb Gutenberg in "künstlerischen" Dingen ein Nachahmer, wie er ja auch in allen übrigen Dingen dem Überkommenen verhaftet war. So bleibt als Fazit der Verweis auf den Beginn dieser Darstellung, auf das Vorwort und den dort erwähnten Vergleich zwischen Gutenberg und Kolumbus, diesen beiden historisch so heroisch herausgehobenen Persönlichkeiten. Wenn ebenfalls auf Kolumbus stets jener sinngemäße Ausspruch übertragen wurde, wie ihn Ruppel auf Gutenberg bezogen hat, er habe die Welt aus ihren verrosteten Angeln heben wollen, so lassen sich die beiden Heroen in dieser Hinsicht tatsächlich miteinander vergleichen, daß nämlich, ins Gegenteil gewendet, beide nichts dergleichen im Sinn hatten. Wie Kolumbus wollte auch Gutenberg nicht ein modernes Zeitalter einleiten, sondern ein altes, sein eigenes Zeitalter auf seine Art vorantreiben. Beiden Entdeckern fehlte eben die Eigenschaft, die ihnen später immer wieder angehängt wurde, das geniale Vorausschauen in Zeiten, die sie angeblich einzuleiten beitragen wollten. Gutenberg hatte weder bedacht, wie die Konsequenzen seiner Erfindung aussähen, noch suchte er seine Erfindung in einem modernen Sinne umzusetzen. Er blieb den überkommenen Anschauungen seines Zeitalters verhaftet - nicht nur, weil er etwa als Patrizier für überholte gesellschaftliche Rechte kämpfte, sondern auch, weil er trotz seiner revolutionären Erfindung deren Potenz nicht zu erkennen vermochte, er lediglich überkommene Inhalte massenhaft verbreitete und dem Vorbild der überlieferten Handschriftentechnik verhaftet blieb. Auch der Erfinder des Mobilletterndrucks half eher, ein Zeitalter abzuschließen als ein neues zu eröffnen." (Aus: Andreas Venzke: Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks. Benziger-Verlag. Zürich 1993. ISBN 3-545-34099-6. Preis: 29,80 DM) |
| Gegen diese Art von Darstellung hat man sich in Mainz, dem geistigen Mittelpunkt aller Gutenberg-Verehrung, zu wehren versucht. Dazu hat man sogar das alterwürdige Gutenberg-Jahrbuch hergegeben. Hans-Joachim Koppitz, der Herausgeber des Gutenberg-Jahrbuchs, veröffentlichte dort folgende Besprechung der Venzkeschen Biographie: |
| Hans-Joachim Koppitz
"Andreas Venzke: Johannes Gutenberg. Der Erfinder des Buchdrucks. Zürich: Benziger Verlag 1993. 370 S. Nachdem Albert Kapr 1986 sein Buch über Gutenberg
im Urania-Verlag in Leipzig, Jena und Berlin zusammen mit dem Verlag für
populärwissenschaftliche Literatur in Leipzig veröffentlicht
hat, brachte der Benziger Verlag in Zürich 1993 ein weiteres Gutenberg-Buch
von einem Journalisten, Andreas Venzke, heraus. (Der Verlag ist inzwischen
aufgelöst, das Buch vom Patmos-Verlag in Düsseldorf übernommen
worden.)
|
| Man hat also schweres Geschütz gegen Venzkes Biographie aufgefahren.
Immerhin waren in der über 60jährigen Veröffentlichungsgeschichte
des Gutenberg-Jahrbuchs bis dato ausdrücklich keine Rezensionen erschienen.
Allerdings strotzt Koppitz' Rezension derart von Unterstellungen, Verdrehungen,
Fehlern, falschen Behauptungen, daß der Angegriffe dies so nicht
stehenlassen wollte. Leider half aber selbst der Appell an Fairneß
nicht - das Gutenberg-Jahrbuch blieb für eine Richtigstellung verschlossen.
So erscheint diese nun hier - einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, wie fachspezifisch, spitzfindig, gar possenhaft es in der (Druck-)Forschung zugeht. Andreas Venzke: Eine Richtigstellung "Seitdem im Gutenberg-Jahrbuch 1994 Hans-Joachim Koppitz' Rezension
meiner Biographie über Johannes Gutenberg (Benziger-Verlag; Zürich
1993) erschienen ist, frage ich mich: Wozu dient Unsachlichkeit? Wozu dient
Polemik? Als Auszug aus einer halben Seite seiner Rezension ließe
sich in Sachen Unsachlichkeit auflisten: "Die sucht man weitgehend vergebens.";
"Auch von grammatischen und ähnlichen Schnitzern ist der Text nicht
frei [...]"; "Von Wunderlichkeiten dieser und anderer Art ist das Buch
voll." - in Sachen Polemik: "Das letzte Kapitel 'Und die Folgen' macht
uns in der Hauptsache mit Venzkes 'Philosophie' über die folgenden
Jahrhunderte der Schriftentwicklung bekannt, worauf einzugehen nicht nötig
ist."
|
"Fehler im Erkennen von Fehlern"? Hierzu eine Stellungnahme, vielleicht
einzuordnen unter "Fehler im Beschreiben von Fehlern im Erkennen von Fehlern".
Sehr geehrter Herr Venzke,
ich habe mit Interesse Ihre Auseinandersetzung mit Koppitz' Rezension
Mit freundlichem Gruß,
Ulrich Real
zu Ihrer Gutenberg-Biographie gelesen. Auch wenn ich mir zu den
Inhalten noch keine Meinungsäußerung erlauben möchte,
kann ich mir
einige Bemerkungen zum Thema Sprachgebrauch nicht verkneifen. Bei dem
Beispiel "Ethos; dieser manifestierte sich..." (Koppitz) bzw. "(der
anstatt das Ethos)" (bei Ihnen) handelt es sich nicht etwa um
"falschen Kasusgebrauch", sondern um einen Genusfehler.
Was die bezüglich der Verbform zitierten Stellen bei Koppitz angeht,
kann ich Ihnen nur zustimmen: Diesen Sprachgebrauch würde ich
nicht
als "wunderlich" bezeichnen! Einzig bei dem Beispiel "Nachdem Albert
Kapr 1986 [...] veröffentlich hat, brachte [...]" würde ich
vielleicht ob des Tempusgebrauchs (Vorzeitigkeit!) die Stirn runzeln.
Ihren Vorwurf des falschen Gebrauchs der indirekten Rede halte ich
für zu weit hergeholt. Die Verwendung des Konjunktivs II zum Ausdruck
eines (aus Koppitz' Sicht) irrealen Sachverhaltes beispielsweise ist
korrekt ("Demnach hätte er mit diesem Mädchen eine heimliche
Ehe
geführt [...]"). Im Übrigen liegt in dem Satz "Daß
er wieder einmal
[...] vorging, überrascht freilich nicht mehr" keine indirekte
Rede
vor.
Weitere Anregungen, Fragen, Meinungen, Kritik? Senden Sie bitte eine E-Mail an Andreas Venzke: Gasparan@t-online.de
Andere Bücher von Andreas Venzke:
"Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus". Benziger-Verlag, Zürich 1991
"Christoph Kolumbus" [rororo-Monographie]. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1992
"Veit und ein anderer Tag". Oetinger-Verlag, Hamburg 1996
"Zwei Fluchten". Oetinger-Verlag, Hamburg 1997
"Tarzan auf dem Mammut". Oetinger-Verlag, Hamburg 1998
"Carlos kann doch Tore schießen". Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999
"Gasparan oder Die letzte Fahrt des Francis Drake". Benziger-Verlag, Zürich 1996
"Der Grasesser". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001
"Pioniere des Himmels - Die Brüder Wright. Eine Biografie". Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002
"Goethe und des Pudels Kern". Arena-Verlag, Würzburg 2007
"Luther und die Macht des Wortes". Arena-Verlag, Würzburg 2007
"Gutenberg und das Geheimnis der Schwarzen Kunst". Arena-Verlag, Würzburg 2008
"Humboldt und die wahre Entdeckung Amerikas". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Schiller und die Freiheit des Geistes". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Leben für den Frieden". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Ötzi - Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Scott, Amundsen und der Preis des Ruhms". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Kleist und die zerbrochene Klassik". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Berlin Berlin - Geschichte einer Nation". Arena-Verlag, Würzburg 2011
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