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"Somit verbinden sich Ich-Befindlichkeit und Zeitumstände zu einem nachvollziehbaren Lebensbild. Geschichte zum Anfassen, die vor allem durch Kleists Scheitern jugendliche Leser interessieren könnte. Glossar und Zeittafel runden den Band ab. Leider entsprechen Sprachduktus und Aufmachung nicht der 8. Jahrgangsstufe, ab der Kleist in der Regel behandelt wird."
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Leseprobe aus "Kleist und die zerbrochene Klassik" Das Ende setzenIch bin inzwischen fast täglich zu Hause, vom Morgen bis auf den Abend, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, der mir sagte, wie es in der Welt steht. Ich schaue auf mein Leben und sehe keinen neuen Anfang mehr. Wirklich, es ist sonderbar, wie mir alles, was ich unternehme, zugrunde geht; wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter meinen Füßen entzieht.Ich könnte doch noch nach Wien gehen, wo meine Literatur einige Fürsprecher hat und der Widerstand gegen Napoleon vielleicht besser zu organisieren wäre. Aber es scheint mir trostlos, dass ich es nicht beschreiben kann, immer an einem anderen Ort zu suchen, was ich noch an keinem, meiner eigentümlichen Beschaffenheit wegen, gefunden habe. Denn schaue ich auf mein Leben zurück, so ist es doch das allerqualvollste gewesen, das je ein Mensch geführt hat. Zu meinem Glück habe ich nun Henriette Vogel kennengelernt. Sie hat eine zehnjährige Tochter und lebt unglücklich mit ihrem Mann in der Nähe meiner Wohnung. Immer wieder besuche ich sie zum Musizieren. In ihr habe ich eine Freundin gefunden, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts Ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb, obschon sie Mittel genug in Händen hätte, mich hier zu beglücken, mit mir sterben will. "Wie über alles Gedachte und zu Erdenkende lieb ich Dich", schreibt sie mir einmal. "Meine Seele sollst du haben." Endlich habe ich jemanden, der mir hilft, mein Leben glücklich zu beenden und um meinetwillen Vater, Mann und Kind verlässt. Meine Seele ist durch die Berührung mit der ihrigen zum Tode ganz reif geworden. Ich sterbe, weil mir auf Erden nichts mehr zu lernen und zu erwerben übrig bleibt. Allerdings ist das eigene Ende gar nicht so leicht zu planen. Dabei muss an alles gedacht sein. Was ich noch an Aufzeichnungen besitze, werfe ich mit Henriette in die Flammen. Mehrere Abende hindurch beschäftigen wir uns damit, den Ofen mit Papier zu bestücken. Es ist ein seltsames Gefühl, wie das Feuer alles unwiederbringlich verschlingt, ganze Teile meiner Vergangenheit, die ich in Briefen mit mir herumgetragen habe. Ich übergebe den Flammen auch einen Roman, mit dem ich ziemlich weit vorgerückt bin und der in zwei Teilen erscheinen sollte. Das Feuer vernichtet in Augenblicken, was ich monatelang mühselig geschaffen habe. Aber so bin ich von allem befreit und auch in dieser Hinsicht – frei. Am 20. November 1811 fahren wir beide wie zwei fröhliche Luftschiffer, die sich über die Welt erheben, hinaus in Richtung Potsdam. Dort steigen wir an einem Gasthof am Kleinen Wannsee ab, ganz in der Nähe der Straße, die auch die Königsfamilie und ihr Gefolge auf der Fahrt zwischen Potsdam und Berlin nimmt. An dieser Engstelle werden sie immer an mich denken müssen. Wir fragen nach zwei Zimmern, weil am nächsten Abend noch Fremde kämen, wie wir dem Wirt sagen. Gemeint sind Henriettes Mann und ein Freund der beiden. An ihn schreibt Henriette eine dringende Nachricht: Nach deren Erhalt sollen sie zu dem Gasthof kommen. Wir formulieren es so: "Dort befinden wir uns in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen da liegen." Auch deswegen amüsieren wir uns. Sonst schreiben wir noch viele Briefe. Ich verabschiede mich von allen, ausdrücklich auch von Ulrike, der ich im Tod verzeihe, dass auch sie mich zum Schluss als so nichtsnutzig dargestellt hat. Wir bleiben die ganze Nacht über wach, essen am Morgen nur wenig, bezahlen die Rechnung und verlangen dann einen Boten nach Berlin. Als wir am Nachmittag sicher sind, dass er angekommen sein muss, lassen wir uns von einer Frau Riebisch, die uns zu Diensten ist, Kaffee und Rum zu einem schönen grünen Platz am See kommen, recht weit von dem Gasthof entfernt. Henriette hat sich fein zurechtgemacht. Sie trägt in einem Körbchen drei Pistolen, die ich alle geladen habe, bedeckt mit einem weißen Tuch. Leider müssen wir die gute Frau zur Botin unseres Todes machen. Ich schicke sie noch einmal los, damit sie einen Bleistift hole. Als sie wiederkommt, bezahlen wir unsere letzte Rechnung. Wir geben ihr das Geld in einer Tasse. Die soll sie reinwaschen und uns wieder bringen. Alles läuft ab wie ein Uhrwerk. Als sie sich wieder entfernt hat, dürfen wir nicht zögern. Sie muss die Schüsse hören. Henriette schaut mich mit großen Augen an. Ich nicke ihr lächelnd zu. Nun muss ich noch einmal pflichtbewusst sein. Dann bin ich erlöst. Mir war auf Erden nicht zu helfen. |
Weitere Bücher von Andreas Venzke
"Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus". Benziger-Verlag, Zürich 1991
"Christoph Kolumbus" [rororo-Monographie]. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1992
"Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks" [Kontroverse zu diesem Buch ]. Benziger-Verlag, Zürich 1993
"Veit und ein anderer Tag". Oetinger-Verlag, Hamburg 1996
"Zwei Fluchten". Oetinger-Verlag, Hamburg 1997
"Tarzan auf dem Mammut". Oetinger-Verlag, Hamburg 1998
"Carlos kann doch Tore schießen". Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999
"Gasparan oder Die letzte Fahrt des Francis Drake". Benziger-Verlag, Zürich 1996
"Der Grasesser". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001
"Pioniere des Himmels - Die Brüder Wright. Eine Biografie". Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002
"Goethe und des Pudels Kern". Arena-Verlag, Würzburg 2007
"Luther und die Macht des Wortes". Arena-Verlag, Würzburg 2007
"Gutenberg und das Geheimnis der Schwarzen Kunst". Arena-Verlag, Würzburg 2008
"Schiller und die Freiheit des Geistes". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Humboldt und die wahre Entdeckung Amerikas". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Leben für den Frieden". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Ötzi - Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Scott, Amundsen und der Preis des Ruhms". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Berlin Berlin - Geschichte einer Nation". Arena-Verlag, Würzburg 2011
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