| Besprechungen: Der "Entdecker Amerikas" - Aufstieg und
Fall des Christoph Kolumbus
Benziger-Verlag, 1991
"Endlich ist Kolumbus einmal ein Mensch 'mit Unterleib', d. h.: er taucht
nicht plötzlich aus dem Nirgendwo auf. Venzke rekonstruiert die Vorgeschichte,
die Herkunft sehr überzeugend. Und mit den vier Atlantik-Überquerungen
und dem Klagelied über die Undankbarkeit der Welt ist das Porträt
auch nicht zu Ende. Auch die Schattenseiten des skrupellosen Eroberers
und Unterdrückers werden gezeigt."
Nordelbische Kirchenzeitung
"... stramm antikolonialistische Besserwisserei ..."
"... wohlfeile Ideologiekritik a posteriori ..."
Badische Zeitung
"Keine Frage: Venzke ist ein kritischer Bewunderer, der uns in flüssiger
Sprache zeigt, wie aus einem Wollweber ein Admiral und Vizekönig geworden
ist."
Salzburger Nachrichten
"Der Freiburger Journalist und Schriftsteller kratzt in seiner Biographie
am glänzenden Lack des Amerika-Entdeckers."
"Venzke zeigt Mut zu unkonventionellen Sichtweisen, er versteckt sich
selten hinter 'Wenn' und 'Aber', hinter 'Einerseits' und 'Andererseits'."
Westfalen-Blatt
"Andreas Venzke sucht den 'Entdecker Amerikas' aus seiner Zeit heraus
zu verstehen. Der Autor weist nach, dass Kolumbus bei seiner Atlantiküberquerung
von längst überholten Vorstellungen über die Grösse
und Ausdehnung der Erde ausging und bis zuletzt überzeugt war, Asien
erreicht zu haben. Die 'Westfahrt' entsprang nicht einem kühnen Geniestreich,
sondern dem Handfesten Kalkül des einstigen Wollwebers aus Genua,
auf einen Schlag Herrscher über die vermeintlich reichsten Gebiete
der Erde zu werden. Dieser Herrschaftsanspruch war es denn auch, woran
Kolumbus scheitern mußte. Auf der verzweifelten Suche nach Gold verfing
er sich in der Rolle eines skrupellosen Conquistadors und Sklavenhändlers."
Rheintalische Volkszeitung
"... gut fundierte Veröffentlichung ..."
Die Zeit
"Facettenreich präsentiert sich das Porträt des 'Entdeckers
Amerikas' durch Andreas Venzke. In einem 300-Seiten-Buch entwirft er eine
Skizze, die auch dem komplizierten Innenbild des wagemutigen Seefahrers
gerecht zu werden versucht."
Die Welt
"Kritisch und befreit von Legenden und Anekdoten beschäftigt sich
der in Freiburg lebende Schriftsteller Andreas Venzke in seinem Buch Der
'Entdecker Amerikas' mit der widerspruchsvollen Gestalt von Kolumbus."
Braunschweiger Zeitung
"Venzke geht den Weg der kritischen Kolumbus-Betrachtung und macht den
Leser auf bisher vernachlässigte Seiten der Amerika-Entdeckung aufmerksam.
Andererseits vermeidet er auch die totale Verdammung des Entdeckers, er
erspart damit sich und uns lästiges Moralisieren. Venzke hat damit
eine interessante und auch originelle Kolumbus-Biographie vorgelegt, die
sich angenehm vom Einheitsbrei vieler derzeit auf den Markt geworfenen
Fast-Food-Biographien abhebt."
Radio Freiburg
"Herausgekommen ist dabei eine abwechlungsreiche und vielseitige Biographie,
die vor allem versucht, dem Menschen Columbus und seiner eigenen Lebenstragödie
gerecht zu werden."
Norddeutscher Rundfunk
"... kritisch und befreit von Legenden und Anekdoten ..."
Braunschweiger Zeitung
"Ein aktuelles Buch zum Jubiläumsjahr 1992, in dem man sich der
'Entdeckung Amerikas' vor 500 Jahren erinnern wird. Jahrhundertelang hat
man dieses Ereignis, die daraus resultierenden Folgen und Entwicklungen
und damit auch die Zentralfigur Kolumbus nur glorifizierend einseitig aus
dem Blickwinkel der Eroberer gesehen. Diese einseitige Betrachtungsweise
wurde nun von einer kritischeren Sicht der Ereignisse abgelöst. Auf
dieser Linie liegt die vorliegende Biographie, die ein vielfach noch unbekanntes
Bild des Kolumbus zeichnet, unter Weglassung aller legendenhaften Vernebelungen
und Klischees."
Kirche bunt
"... nimmt Legenden und Anekdoten in den Wahrheitstest ..."
Das Magazin (Die Lust zu lesen)
"Unter den zahlreichen Büchern, die aus Anlaß des 500. Geburtstages
der Entdeckung Amerikas erschienen sind, ragt diese Biographie des Christoph
Kolumbus und seines Aufstiegs vom Wollweber zum Admiral und Vizekönig
heraus."
Würzburger Katholisches Sonntagsblatt
"Andreas Venzke gibt einen guten, knappen Überblick; sein Blick
ist distanziert und sprachlich schlägt er keine Räder. Zudem
versucht er, Ordnung in das Wirrwarr vieler widersprüchlicher Thesen
in Sachen Kolumbus zu bringen."
Neue Westfälische
"Die Fülle von Details über das Leben des Kolumbus, von denen
viele als neue Erkenntnisse anzusehen sind, machen das Buch zu einer spannenden
Lektüre, die mitunter Romancharakter annimmt."
Deutsch-Brasilianische Hefte (Bonn)
"Interessantes Karten- und Bildmaterial vervollständigen das bemerkenswerte
Buch, das im ausgehenden Jubiläumsjahr zur Pflichtlektüre gehören
sollte."
Klagenfurter Zeitung
"Es ist das unbestreitbare Verdienst der vorliegenden Biographie, bis
uns Detail exakt und dennoch spannend geschrieben, das Leben und Schaffen
des Entdeckers auszubreiten."
"... nicht nur lesenswert, sonder höchst aktuell ..."
Sendbote
"... muß das Buch für einschlägig interessierte jüngere
und ältere Leser gleicherweise empfohlen werden."
Bücherschau (Wien)
"... sehr lebendig geschriebene Studie."
Lehren und Lernen
"Das Buch ist fesselnd geschrieben. Es werden verschiedene Sichtweisen
aufgezeigt, so daß eine möglichst objektive und vielseitige
Vorstellung gelingt."
"Für alle interessierten Leser geeignet und in allen Büchereien,
auch als Standardtitel, einzusetzen."
das neue buch/buchprofile für die katholische Büchereiarbeit
"Auf den Prolog folgen 27 übersichtliche, treffend beschriebene
Kapitel, die Kolumbus' Aufstieg und Scheitern, seine Intensionen und Intrigen,
seinen Charakter und seine Persönlichkeit dem Leser nicht zuletzt
mit Hilfe spannungsfördernder Formulierungen und Stilmittel offenlegen."
"Damit abstrahiert Venzke Kolumbus zum Exempel, holt ihn in unsere
Zeit hinüber - und bringt ihn heutigen menschlichen Mechanismen und
Methoden ganz nahe."
Lebendiges Zeugnis
"... überaus spannend geschriebene Biographie ..."
Main-Echo
"... hochinteressante Darstellung ..."
Westfälische Nachrichten
"Ein wertvolles Buch, das zum Jubiläum viele geschichtliche Zusammenhänge
zeigt, aber den Leser auch zum Nachdenken über diese Zeitepoche und
deren Folgen anregt."
Kantonale Kommission für Schul- und Gemeindebibliotheken, Luzern
"... sorgfältig recherchiert ..."
Deutsche Tagespost
"... qualitativ hochwertig ..."
Main-Post
"... räumt Venzke unter Anekdoten, Urteilen, Attributen auf ..."
Darmstädter Echo
"... dieser sehr lebendig geschriebenen Studie."
Lehren und Lernen, Stuttgart
"... lesenswert scharfe Kritik ..."
DAAD-Letter, Hochschule und Ausland
"Diesem verklärten Bild rückt Andreas Venzke in seiner biographischen
Darstellung mit Skepsis zu Leibe."
Stuttgarter Nachrichten
"Andreas Venzke hat eine aufklärende entmystifizierende Biographie
im besten Sinne vorgelegt."
Dritte-Welt Materialien 92
Leseprobe aus "Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und
Fall des Christoph Kolumbus"
Prolog
Die "Entdeckung Amerikas". Versklavung der Urbevölkerung. Das Ei des
Kolumbus.
"12. Oktober 1492" - dieses Datum sollte die Geschichte eines ganzen Kontinents
auf den Kopf stellen. Mit geblähten Segeln näherten sich drei
spanische Schiffe den Bahamas, einer Inselgruppe im Nordosten der Karibik.
Die gespannte Erwartung der Besatzungen, endlich Land zu sichten, ließ
alle Sicherheitsmaßnahmen hintanstehen, und so hatte man sich selbst
in der Nacht auf ein Wettrennen eingelassen. Christoph Kolumbus hatte als
Führer der kleinen Flotte die Mannschaften angespornt, Tag und Nacht
Ausschau zu halten. Zehntausend Maravedis sollte derjenige als Leibrente
erhalten, der als erster Land sichtete. Das Abfeuern einer Kanone galt
als das vereinbarte Zeichen.
Die Karavelle "Pinta" segelte von allen drei Schiffen am schnellsten,
und sie war schon in den Tagen zuvor stets vorausgeeilt. Am 12. Oktober
1492, um zwei Uhr nachts, war es soweit. In der Ferne konnte Rodrigo de
Triana, ein einfacher Seemann, im fahlen Mondschein Land ausmachen, und
von der "Pinta" wurde der vereinbarte Kanonenschuß abgegeben. Bald
hatten auch die beiden anderen Schiffe, die "Santa Maria" und die "Niña",
aufgeschlossen, und an Bord herrschte unglaublicher Jubel. Der "Admiral
des Ozeanischen Meeres", wie er sich mit der Entdeckung der Indischen Lande
nennen durfte, gab Befehl, die Segel zu streichen und bis zum Morgen beizudrehen.
Erschöpft ließen sich die Männer auf den Planken der Schiffe
nieder. Sie versuchten, ein wenig zu schlafen, jedoch war jeder einzelne
innerlich fieberhaft erregt. Über dreißig Tage lang hatten sie
nichts als die unendliche Weite des offenen Meeres erblickt, und jeden
Tag hatten sie darum gefleht, endlich wieder festen Boden unter den Füßen
zu haben. Unruhig wälzten sich die Männer hin und her, den Kopf
voller Gedanken an jene fabelhaften Goldländer, über die ihnen
so viel erzählt worden war.
"Im Morgengrauen sahen wir nackte Leute, und ich begab mich bewaffnet
in einem Boot des Schiffes an Land", schrieb Kolumbus in sein Bordbuch.
Noch ehe die Spanier die fremde Welt wirklich betraten, war sie von ihnen
in Besitz genommen worden. Diese bemerkenswerte Tatsache sagt bereits viel
aus über den Charakter jener Zeit, die inzwischen fünf Jahrhunderte
zurückliegt. In einer Szene, die dem heutigen Menschen wahrhaft grotesk
anmuten müßte, wurden offizielle Banner und Flaggen entfaltet.
Anschließend erklärte der in vollem Ornat gekleidete Admiral
unter dem Eid des Schrift- und des Rechnungsführer der Flotte sowie
der versammelten Mannschaft, daß das entdeckte Land offiziell als
spanischer Grund und Boden zu gelten habe. Mit größter Sorgfalt
wurde die Zeremonie durchgeführt, unter den Augen der wie vom Schlag
gerührten Indianer, die von all dem nichts begriffen. Zur Inbesitznahme
eines fremden Gebietes gehört, daß man ihm das eigene gesellschaftliche
und kulturelle System überstülpt. Daher kam bis heute der Namensgebung
stets entscheidende Bedeutung zu, durch die man ein Land seiner gewachsenen
Identität zu berauben sucht. Kolumbus nannte das entdeckte Land "San
Salvador", in der Sprache der angestammten Indianer hieß es "Guanahaní".
Staunend musterten sich an jenem 12. Oktober 1492 die Angehörigen
zweier völlig unterschiedlicher Kulturen. Den Spaniern traten Menschen
im Naturzustand entgegen, "die alle so nackt waren, wie ihre Mütter
sie geboren hatten"; den Indianern wiederum standen plötzlich weiße
Männer gegenüber, die auf riesigen schwimmenden Häusern
zu ihnen gekommen waren. "Ich denke, sie bedeuteten uns durch ihre Zeichen,
als ob wir vom Himmel kämen", vermerkte Kolumbus in seinem Bordbuch.
Als genauer Beobachter hinterließ er eine Beschreibung der Eingeborenen
als sehr anmutige Menschen, von schöner Gestalt und mit sehr feinen
Gesichtszügen; ferner seien sie große Menschen, ohne Ausnahme
hätten sie gerade Beine und niemand habe einen Wanst. Weiter hob Kolumbus
hervor, daß sie freundliche und wohlgesinnte Menschen seien.
Auf Guanahaní alias San Salvador fand demnach am 12. Oktober
1492 auf vorbildliche Weise das friedvolle und harmonische Aufeinandertreffen
zweier Zivilisationen statt, die sich auf einer gänzlich verschiedenen
Entwicklungsstufe befanden. Die erste Amerikafahrt des Kolumbus gestaltete
sich im weiteren Verlauf zu der friedlichen Fahrt dreier spanischer Schiffe
durch ein Paradiesland. So zumindest möchte jeder oberflächliche
Betrachter meinen. Doch an jenem Tag tönte am Horizont für die
bis dahin nahezu unbehelligt lebenden Indianer das Grummeln eines fernes
Donners. Denn Kolumbus betrachtete schon die Bewohner jener kleinen Bahamasinsel
aus einem bestimmten Kalkül heraus, wie er dies in den Sätzen
formulierte: "Ich möchte, daß die Eingeborenen ein freundliches
Verhältnis zu uns bekommen, da es sich um einen Stamm handelt, der
eher durch Liebe als durch Gewalt zu unserem heiligen Glauben errettet
und bekehrt werden kann." Doch damit nicht genug, denn weiter heißt
es: "Sie dürften wohl gute und geschickte Diener sein, da sie alles,
was wir ihnen vorsprechen, sehr schnell wiederholen." Symptomatische Sätze,
die am ersten Tag der "Entdeckung Amerikas" niedergeschrieben wurden.
Zwei Jahre später regierte Kolumbus als Vizekönig "die Indien",
"las Indias", wie die Spanier noch bis ins 19. Jahrhundert hinein
den amerikanischen Kontinent bezeichneten. Zudem herrschte er als Statthalter
auf Hispaniola, der nach Kuba zweitgrößten Karibikinsel, die
von den Spaniern zuerst "kolonisiert" werden sollte.
Nur zwei Jahre nach der zufälligen Entdeckung Amerikas führte
Kolumbus auch bereits Krieg gegen die Indianer, wobei es ihm nicht etwa
darum ging, Siedlungsland der Spanier gegen wütende Angriffe der eingeborenen
Bevölkerung zu schützen, sondern als Statthalter war ihm darum
zu tun, die Indianer seinem Willen zu unterwerfen und sie zu Untertanen
des spanischen Königshauses zu machen. Gold mußte gefunden werden,
und im Gegensatz zu den Berichten Marco Polos fand sich dies nur spärlich
in den bis dahin entdeckten Gebieten. Die Indianer auf Hispaniola wurden
daher mit dem Ziel unterworfen, ihre Arbeitskraft zur Goldgewinnung zu
gebrauchen, und dabei kam es Kolumbus zu, ein perfides System zu deren
Knechtung einzuführen.
Die gesamte angestammte Bevölkerung sollte in nahezu perfekter
Weise versklavt werden. Das dazu gewählte Verfahren beschrieb später
lakonisch der Sohn des Kolumbus, Fernando: "Der Admiral unterwarf sie zu
solchem Gehorsam, daß alle versprachen, den Katholischen Königen
alle drei Monate Tribut zu entrichten. Von den Einwohnern Cibaos, wo sich
die Goldminen befanden, sollte jede Person über vierzehn Jahre ein
großes Gefäß voll Goldstaub entrichten, und alle anderen
Leute je fünfundzwanzig Pfund Baumwolle. Um zu wissen, wer diesen
Tribut zu zahlen hatte, wurde angeordnet, eine Münze aus Kupfer oder
Messing herzustellen, die überallhin gesandt wurde und die jeder um
den Hals tragen mußte, so daß man sah, daß einer, der
diese Münze nicht trug, seinen Tribut nicht entrichtet hatte und man
ihn bestrafen konnte."
In der Praxis bedeutete diese Anordnung, daß sich jeder Indianer
härtester Arbeitsfron zu unterziehen hatte. "Ein großes Gefäß
voll Goldstaub" konnte nur erarbeiten, wer in mühsamer Plackerei das
Gold aus dem Sand der Flüsse wusch oder in Bergschächten aus
dem Fels schlug. Gaben sich die Indianer auch nur dem Versuch hin, das
Quantum zu erfüllen, lösten sie sich damit aus allen bewährten
gesellschaftlichen und sozialen Strukturen. Stammes- und Familienbanden
wurden gesprengt, Ansiedlungen verfielen, und der Ackerbau lag brach.
Wer sich auf den Sklavendienst einließ, konnte auf lange Sicht
die geforderten Abgabemengen auch beim besten Willen nicht erfüllen.
Also waren die Indianer vor die Entscheidung gestellt, sich innerhalb kürzester
Zeit zu Tode zu schinden, sich in abgelegene und unfruchtbare Gebiete zurückzuziehen
oder gar gegen die einstmals verehrten weißen Götter mit Waffengewalt
vorzugehen; die "Gewalt" der indianischen Waffen ging allerdings bestenfalls
von Pfeil und Bogen aus und kam gegenüber den gerüsteten Spaniern
nahezu einer Rauferei von Kindern gleich. Sicher verfügten auch die
Indianer in Form von vergifteten Pfeilen über effiziente Mittel, um
einen Widersacher auszuschalten. Sie waren jedoch mit einem Gegner konfrontiert,
der in einer weit überlegenen "Kriegsführung" geschult war und
der sie nie anders als zu unterwerfende Wilde betrachtete.
Wie hatte es so weit kommen können, daß der glorreiche "Entdecker
Amerikas" zu solch drakonischen Mitteln griff, nur drei Jahre nach seiner
Landung auf Guanahaní? Hatte Kolumbus zu jener Zeit in seinem Bordbuch
nicht noch Sätze verzeichnet wie, "Die Indianer sind sanftmütig
und wissen nicht um das Böse. Sie töten niemanden und nehmen
niemanden als Gefangenen"? Es läßt sich auf viele solcher Feststellungen
verweisen, die auf eine gutmütige und aufrichtige Wesensart des Admirals
schließen lassen. Hatte er nicht auch schon in den ersten Tagen die
Aussage getroffen, daß "sie derart ängstlich sind, daß
sie zu Hunderten vor einem von uns Reißaus nehmen, auch wenn wir
uns nur einen Spaß erlauben"? Weiterlesend stößt man allerdings
stets von neuem auf Sätze wie: "Sehr schnell lernen sie jedes ihnen
vorgesprochene Gebet, und sie machen das Kreuz. Daher müssen sich
Eure Hoheiten entschließen, sie zu Christen zu machen." Und gleich
anschließend an diesen Hinweis an das in Spanien herrschende Königspaar
lautet dann etwa der nächste Satz: "Zweifellos gibt es immense Mengen
Goldes in diesem Land." Insbesondere das Wort "Gold" zieht sich wie ein
roter Faden durch die Aufzeichnungen des Kolumbus.
Damit sind bereits zwei der entscheidenden Charakteristika benannt,
die untrennbar zur Person des Christoph Kolumbus und seiner Zeit gehören.
Ganz allgemein lassen sie sich den Begriffen "Gott" und "Gold" unterordnen.
Deutlicher wird nun schon erkennbar, welch für die Indianer vernichtender
Sturm sich von Anfang an am Horizont abzeichnete.
Kolumbus war nicht nur der "Entdecker Amerikas", sondern er war auch
derjenige, der als erster Europäer die Herrschaft über die Neue
Welt antrat, und dabei war er nicht zuletzt derjenige, der den Weg vorgab,
den Amerika in seiner weiteren Geschichte beschreiten sollte. Daß
er in seinem Leben schließlich scheitern mußte, hängt
in höchstem Maße mit der Zeit zusammen, die einen Menschen wie
Kolumbus hervorbrachte; und wiederum drückte sich in seiner widerspruchsvollen
Persönlichkeit exemplarisch das Wesen eben seines Zeitalters aus.
Noch immer fällt es nicht leicht, die Person des Kolumbus in unvoreingenommener
Weise zu betrachten. Nachdem er lange Zeit geschmäht worden war und
sein Name nahezu in Vergessenheit geriet, holte ihn das 19. Jahrhundert
aus dem Dunkel der Geschichte hervor und projizierte auf ihn das Bild,
das die Kolonialmächte von sich selbst entwarfen. Als Identifikationsfigur
für die europäische Inbesitznahme Amerikas wurde der Genuese
als Genie und Heros herausgestellt, versehen mit den entsprechenden Attributen.
Daß er schließlich sogar vom Papst selig gesprochen werden
sollte, besagt nicht nur etwas über seine Vereinnahmung durch die
christliche Kirche, es zeugt vielmehr von der Leuchtkraft des Ruhms, welcher
zeitweise von seiner Person ausging.
In späterer Zeit wurde seine Persönlichkeit kritischer betrachtet,
und das Licht um seine Heldengestalt verdunkelte, als auch in verstärktem
Maße auf die Schattenseiten im Leben des Admirals verwiesen wurde.
Das "Zeitalter der Entdeckungen" wurde nicht mehr nur unter dem Aspekt
betrachtet, daß wilden Eingeborenenstämmen die Gnade der Zivilisation
zuteil wurde. Vor dem Hintergrund der Ausplünderung Amerikas und der
gnadenlosen Unterwerfung seiner ursprünglichen Bevölkerung schien
Kolumbus die charakterliche Skrupellosigkeit jener Zeit stellvertretend
widerzuspiegeln, und am Ende wurde er vereinzelt gar als goldgieriger Scharlatan
dargestellt, dem alle Mittel recht gewesen seien, sich selbst einen Vorteil
zu verschaffen. Andere wiederum sahen ihn in der verhängnisvollen
Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt, als Don Quichotte des Meeres.
Im allgemeinen besteht die Neigung, stets alles auf das Wesentliche
zu reduzieren, so daß das Leben berühmter Persönlichkeiten
meist auf einige Erzählungen, Anekdoten oder bestenfalls Attribute
beschränkt bleibt. Wird Hannibal mit dem "Zug über die Alpen",
Gandhi mit dem "Passiven Widerstand", Dante mit der "Göttlichen Komödie"
gleichgesetzt, so Kolumbus mit der "Entdeckung Amerikas". Meist fällt
es nicht leicht, Vorstellungen zu erweitern oder gar zu korrigieren, die
durch solche Reduktionen bestimmt sind. Dies trifft etwa in typischer Weise
auf das "Ei des Kolumbus" zu. Diese sprichwörtlich gewordene Anekdote
ist ein treffendes Beispiel dafür, wie sich bestimmte Überlieferungen
zäh behaupten, zeichnet sie doch durch ihren knappen und treffenden
Witz ein überaus einprägsames Bild des "Amerika-Entdeckers".
Trotzdem ist sie in keiner Weise für Kolumbus verbürgt; sie stellt
nur das bekannteste Überbleibsel um die einst glorreiche Verehrung
seiner Person dar.
Nach seiner erfolgreichen "Westindien"-Fahrt wurde er in einer adeligen
Tischgesellschaft darauf angesprochen, daß die Überquerung des
Atlantiks auf jeden Fall von einer anderen Persönlichkeit in Angriff
genommen worden wäre, wenn er selbst sein Unternehmen nicht ausgeführt
hätte. Kolumbus nahm daraufhin ein Ei, ohne auf den Einwand einzugehen,
und forderte die Granden der Reihe nach auf, es ohne irgendwelche Hilfsmittel
auf die Spitze zu stellen. Als dies niemandem gelingen wollte, nahm er
das Ei selbst wieder in die Hand und schlug es mit der Spitze leicht auf
den Tisch auf, so daß es stand. Sogleich begriff die Tischgesellschaft,
was gemeint war, daß jeder nämlich immer erst im nachhinein
weiß, wie eine Tat zu vollbringen ist.
Tatsächlich zeugt, nach den Worten des amerikanischen Schriftstellers
Washington Irving, die weltweite Verbreitung dieser Anekdote für ihre
Treffsicherheit. Sie scheint insbesondere für die Charakterisierung
des "Amerika-Entdeckers" so passend zu sein, daß sie unauslöschbar
mit seinem Namen verbunden blieb. Ursprünglich jedoch war sie von
dem italienischen Künstler Vasari, der auch mit Worten geschickt umzugehen
wußte, auf seinen Landsmann Brunelleschi gemünzt worden. Dieser
hervorragende Baumeister soll durch die Lösung des "Ei-Problems" den
Auftrag zu seinem kühnen Bau der Kuppel des Doms "Santa Maria" del
Fiore erhalten haben, was die Anekdote überaus stimmig machte, da
ja die Domkuppel in Florenz augenscheinlich an die Form eines Eies erinnert,
das an der Spitze aufgestoßen ist. In einem Werk des Historikers
Benzoni findet sich dann das Geschichtlein auf Kolumbus übertragen,
wobei der Autor immerhin zugibt, nur vom Hörensagen über den
Vorfall erfahren zu haben.
Da das "Ei des Kolumbus" später sprichwörtlich geworden ist,
dient die berühmte Anekdote an dieser Stelle dazu, zurechtzurücken
und zu relativieren; zumal durch sie unterschwellig auch Entscheidendes
zum Wesen des Kolumbus ausdrückt wird, was mit Eigenschaften wie "schlagfertig",
"witzig", "verschmitzt" zu beschreiben wäre, Attribute, die sich allerdings
erst in zweiter Linie auf seinen Charakter beziehen ließen, wenn
überhaupt.
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