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"So entsteht nicht nur ein guter Eindruck von Luthers Persönlichkeit - auch kritische Punkte werden erwähnt -, sondern auch ein authentisches Bild seiner Zeit."
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Leseprobe aus "Luther und die Macht des Wortes" Vorwort:
Kaum ein Deutscher ist auf der Welt so bekannt wie Martin Luther (1483-1546). Denn er hat entscheidend dazu beigetragen, die Welt zu verändern. Luther brach die Macht der Kirche, die in seinen Tagen in Europa herrschte und den Menschen vorschrieb, wie sie im Namen Gottes richtig zu leben hatten – wer sich daran nicht hielt, dem drohte die Verdammnis. Herkunft, Kindheit und SchuleIch bin kein besonderer Mensch. Vielleicht bin ich einfach ein Trotzkopf und deswegen ist mein Leben einzigartig geworden.Ich werde am 10. November 1483 in Eisleben geboren, als Martin Luder. ((Fußnote)) Aufwachsen tue ich in dem benachbarten Städtchen Mansfeld. Meinen Namen suchen sich meine Eltern nicht aus. Sie nennen mich schlicht nach dem Tagesheiligen. Besondere Liebe erfahre ich nicht, schon weil acht Geschwister habe. Zunächst sehen meine Eltern nur zu, dass ich kräftig gedeihe. So viele Kinder sterben bald nach der Geburt. Da ich mich gut entwickle, unternimmt mein Vater, Hans Luder, bald alles, um mir ein besseres Leben als das seine zu ermöglichen. Er selbst stammt aus einer Bauernfamilie und ist in Mansfeld Bergmann geworden. In meiner Kindheit geht er noch jeden Tag in den Stollen und schlägt Kupfer aus dem Fels. Aber bald gründet er ein eigenes Bergbau-Unternehmen. Er ist ein strenger Vater und straft mich, wenn ich nicht tue, was er sagt. Wenn es schlimm kommt, nimmt er die Rute und zieht sie mir über. Meine Mutter Margarethe ist noch strenger. Sie muss mich und meine vielen Geschwister durchbringen. Da kennt sie keinen Spaß. Einmal stehle ich eine Nuss aus der Küche. Sie schlägt mich deswegen so mit der Rute, dass es blutet. Schon mit viereinhalb Jahren schicken meine Eltern mich auf die Stadtschule in Mansfeld. Die Lehrer dort sind noch strenger: Wer nichts lernt, bekommt Schläge. Einmal kann ich mein Latein nicht richtig und der Lehrer züchtigt mich vor der ganzen Klasse fünfzehn Mal mit dem Stock. Unendlich elend ist diese Schule, mit Lehrern, die nur Stockmeister sind. Viele Kinder bringen sie so durcheinander, dass die danach weder zum Glucken noch zum Eierlegen taugen. Von dieser Teufelsschule bin ich mit 13 Jahren erlöst. Da schicken mich meine Eltern in eine angesehene, moderne Pfarrschule nach Magdeburg. Zwar lebe ich dort wie im Kloster, und die Schule ist ebenfalls streng, aber sie ist wenigstens gerecht. Magdeburg ist eine der größten Städte Deutschlands, voller Handel und Wandel. Ich erlebe die große Welt. Zum Glück bin ich immer ein guter Schüler, auch in Eisenach, wo ich mit 15 Jahren die Trivialschule besuche. Ich kann aufatmen. In Eisenach sind die Lehrer gütig und bereiten uns klug auf das Studium an der Universität vor. Ich wohne bei der Kaufmannsfamilie Schwalbe. Die Schwalbes sind belesen und wissen sehr viel mehr von der Welt als meine Eltern. Sie haben Bücher und machen Musik mit teuren Instrumenten und sie diskutieren. Sie sprechen dabei vom Kaiser, von Gott, von der Kirche, von Himmel und Hölle. Immer wieder höre ich, dass die ewige Verdammnis droht, wenn man kein christliches Leben führt. Dann wird man immer in der Hölle schmoren. Die Schwalbes sind die frommsten Menschen, die ich kenne. Sie versuchen, ohne Fehler zu leben. Ständig beten sie. Doch immer wieder sind sie ungerecht. Einmal entlassen sie mit Schimpf und Schande einen Knecht, der ein Fass Wein zerbrochen hat. Der Knecht beteuert, dass sich das Fass ohne sein Zutun vom Wagen gelöst habe. Andere hätten es doch befestigt. Frau Schwalbe fragt ihren Mann am Mittagstisch, ob er nicht falsch gehandelt habe. Doch Herr Schwalbe antwortet mit der Bibel: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein; was darüber hinaus ist, das ist von Übel. Ich merke, wie schwer es ist, in dieser Welt gottgefällig zu leben. 1501 gehe ich zum Studium nach Erfurt. Wir Studenten müssen in einer Burse wohnen und strengen Regeln folgen. Wir dürfen nur Latein sprechen, keine Waffen tragen und nicht in Wirtschaften gehen. Und natürlich müssen wir viel pauken. Trotzdem nehmen wir uns unsere Freiheiten. Wir sind berühmt und berüchtigt für unser Auftreten: Einige von uns stolzieren wie die Pfauen in neuster Mode, klopfen stundenlang Karten, beleidigen noch den ehrsamsten Bürger. Es wird gesungen und getanzt, gehurt und geschlemmt, gerauft und gesoffen. Ich genieße das Leben. Alles ist nun so leicht. An der Universität lerne ich die Scholastik. In den Seminaren wird geredet und erzählt, diskutiert und argumentiert und disputiert. Ich verstehe mich gut darauf. Man nennt mich den Philosophen. Ständig geht es um die Frage, wie die Welt zu verstehen ist, wie das Leben, wie Gott. Wie lässt sich Gott nur verstehen, frage ich mich. Wie kann man seine Gnade erlangen? Im Januar 1505, mit 21 Jahren, schließe ich mein Studium ab. Nun bin ich ein Magister Artium. Von siebzehn Prüflingen schneide ich als Zweitbester ab. Ich bin jung, erfolgreich und gesund. Die Welt liegt mir zu Füßen. Der Vater sagt nun nicht mehr du zu mir, sondern Ihr, wie man die Herren meiner Zeit anredet: Ihr, Herr Luder. Er will freilich, dass ich weiter studiere. Ich soll zu den ganz hohen Herren gehören. Drei Möglichkeiten habe ich: Theologie, Medizin oder Jura. Der Vater sagt, mit der Theologie sei kein Blumentopf zu gewinnen und als Mediziner würde ich selbst krank. Er schlägt also Jura vor und ich stimme zu. Er sagt, damit könne ich später den Fürsten dienen und viel Geld machen. Also fange ich im selben Jahr in Erfurt das Jura-Studium an. Mein Weg liegt klar vor mir. Dennoch nagt ein seltsamer Zweifel an mir. Schul- und Lehrsystem im MittelalterZu Luthers Zeiten war die Schule kein Spaß. Das Wissen wurde den Kindern regelrecht eingebläut. Wer nichts lernte, wer störte oder träumte, wurde bestraft, gern mit Stockschlägen auf den Hintern. Dabei bestand das ganze Lernen darin, nachzusprechen und aufzusagen. Eigenes Nachdenken war nicht erlaubt.So lernten die Kinder Lesen und Schreiben, das alles auf Latein, der Gelehrtensprache. Rechnen, Erdkunde und auch Deutschunterricht gab es noch nicht. Es gab auch noch keine Schulbücher. Allerdings wurde viel gesungen, weil auch das Singen dem Auswendiglernen diente. Die Texte hatten fast immer mit Religion zu tun. Dabei war es nicht selbstverständlich, dass man als Kind überhaupt zur Schule gehen konnte. Viele Kinder aus armen Familien mussten arbeiten gehen. Die Schule kostete Geld, und wer als Schüler in einer fremden Stadt war, brauchte zusätzlich Geld für Essen und Unterkunft. Deswegen zogen viele Schüler von Haus zu Haus, sangen und bettelten um Unterstützung. Auch das Studium an der Universität folgte strengen Regeln. In zwei Schritten wurde ein Grundwissen gelehrt, genannt die "Sieben Freien Künste". Sie bestanden im ersten Schritt aus dem Trivium, den drei Fächern Grammatik, Dialektik und Rhetorik, im zweiten aus dem Quadrivium Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Auch dabei ging es darum, möglichst viel auswendig zu lernen. Allerdings wurde der Stoff von den Studenten auch besprochen, begründet und gerechtfertigt. Es gab zwei Studienabschlüsse, zuerst den des Bakkalaureus, dann den des Magister Artium, des Meisters dieser Künste. Erst damit konnte man ein wirklich hohes Studium beginnen: Theologie, Medizin oder Jura. Auch an der Universität war das Leben der jungen Männer streng geregelt (Frauen ließ man zur Bildung überhaupt nicht zu). Um sich an die neuen Sitten zu gewöhnen, mussten die Studenten zunächst in einem Internat, einer Burse, leben. Der Tagesablauf war genau geregelt und so geplant, dass eigentlich keine freie Zeit blieb. Noch zur Prüfung musste jeder Student beweisen, dass er sich eines anständigen Lebenswandels beflissen hatte. Und natürlich war auch die Universität nicht umsonst. Nur die Reichen konnten es sich erlauben, ihr Kinder an Schule und Universität ausbilden zu lassen. |
Weitere Bücher von Andreas Venzke
"Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus". Benziger-Verlag, Zürich 1991
"Christoph Kolumbus" [rororo-Monographie]. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1992
"Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks" [Kontroverse zu diesem Buch ]. Benziger-Verlag, Zürich 1993
"Veit und ein anderer Tag". Oetinger-Verlag, Hamburg 1996
"Zwei Fluchten". Oetinger-Verlag, Hamburg 1997
"Tarzan auf dem Mammut". Oetinger-Verlag, Hamburg 1998
"Carlos kann doch Tore schießen". Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999
"Gasparan oder Die letzte Fahrt des Francis Drake". Benziger-Verlag, Zürich 1996
"Der Grasesser". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001
"Pioniere des Himmels - Die Brüder Wright. Eine Biografie". Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002
"Goethe und des Pudels Kern". Arena-Verlag, Würzburg 2007
"Gutenberg und das Geheimnis der Schwarzen Kunst". Arena-Verlag, Würzburg 2008
"Humboldt und die wahre Entdeckung Amerikas". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Schiller und die Freiheit des Geistes". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Leben für den Frieden". Arena-Verlag, Würzburg 2009
"Ötzi - Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Scott, Amundsen und der Preis des Ruhms". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Kleist und die zerbrochene Klassik". Arena-Verlag, Würzburg 2011
"Berlin Berlin - Geschichte einer Nation". Arena-Verlag, Würzburg 2011
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