Andreas Venzke


Schiller und die Freiheit des Geistes


 

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Besprechungen: "Schiller und die Freiheit des Geistes"
Arena-Verlag, Würzburg 2009


"Authentisch geschrieben, fundiert, unterhaltsam, erlaubt dieses Buch einen Zugang zu den Beweggründen Schillers, zu seinem Lebenslauf, dazu, was ihn vielleicht zu seinen dichterischen Leistungen motiviert hat. In übersichtliche Kapitel aufgeteilt – Kindheit, Militärerziehung, die Zeit als Regimentsarzt mit dichterischen Anfängen, bis hin zur Zeit als Klassiker in Weimar -, übersichtliche Zeittafeln und Einordnungen in die Literatur- und Geistesgeschichte, erlaubt dieser Band einen schnellen Überblick über das Leben und die Bedeutung Friedrich Schillers, wie eben auch persönliche Zugänge. Bestens geeignet, Schiller schnell kennen zu lernen."
Kulturtipps von Uli Rothfuss im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg

"Der jugendliche Freiheitsdrang und die Mittel der Kunst als Ausdruck gegen Bevormundung und Zwang werden sehr fesselnd und lebendig geschildert. [...] Neben der eindeutigen Zielgruppe der jugendlichen Leser gewinnen auch Erwachsene einen kompakten, informativen und interessanten Blick auf einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und seine Zeit."
Sabine Rohdenburg Der evangelische Buchberater

"Eine hervorragende, verständliche Übersicht über das Leben und Wirken Schillers [...] Die Erzählsprache ist etwas gewöhnungsbedürftig der Sprache Schillers nachempfunden. Auf diese Weise lernen Jugendliche jedoch wichtige historische Details kennen und kommen dem Werk dem Wirken Schillers näher."
Emily Greschner Borromäusverein Bonn

"Das Buch ist sehr kurzweilig."
Sabine Hartmann GEW Niedersachsen

"[...] ist Andreas Venzke eine ansprechende Mischung aus Lehrbuch und biografischem Roman gelungen, der sich an junge Leser richtet und sich dem großen Dichter mit Achtung aber ohne falsche Ehrfurcht nähert."
Maren Deller Eselsohr

"[...] liest sich wie eine Autobiographie. [...] ist sehr unterhaltsam."
Daniela Pollinger Jugendschriftenausschuss des BLLV-Mittelfranken

"Erzählt wird im Wechsel mal aus Schillers Perspektive, dann wieder von einer erzählenden, weiblichen Sprechstimme, so dass auch hier für Abwechslung und gutes Verständnis gesorgt ist. [...] Zusammen mit Schiller gehen junge Hörer auf eine Literaturreise, die spannende Einblicke ins Leben und Werk des Schriftstellers eröffnet. Abwechslungsreich konzipiert und vorgetragen entsteht so ein umfassender erster Eindruck von Friedrich Schiller und seiner Zeit."
lernklick.de (zur Audio-Ausgabe auf zwei CDs)

"In diesem Hörspiel geht es vor allem um die Person Schiller, die hinter den Werken steht, und seinen ganz persönlichen Werdegang zum deutschen Nationaldichter. Viele Aspekte seines Lebens, von der Jugend bis zum Tod, werden auf anschauliche und interessante Weise und bisweilen auch kritisch dargestellt. [...] Da dieses Hörbuch sehr abwechslungsreich und informativ ist, eignet es sich sicher gut für den Einsatz im Deutschunterricht. Doch wegen der Komplexität des Stoffes und der Menge an Namen und Fakten könnten vor allem jüngere Schüler mit dem Hörspiel überfordert sein."
K. Merz Jugendschriftenausschuss des BLLV-Mittelfranken (zur Audio-Ausgabe auf zwei CDs)


Leseprobe aus "Schiller und die Freiheit des Geistes"


2. Militärische Erziehung:

Hätte ich ahnen können, dass ich vom Regen in die Traufe komme, wo es doch hieß, nur die besten Schüler des Landes kommen auf die Militär-Akademie? Es war doch ein Zeichen, dass sogar mein Vater mich in der Familie behalten wollte, auch wenn ich an der neuen Schule vielleicht in seinem Sinne gut aufgehoben wäre – und obwohl die Ausbildung umsonst ist! Zwar bin ich ehrgeizig und duldsam, aber auch forsch und leichtsinnig. Nur zählt in der Militär-Akademie nichts davon. Mir werden sofort die Flügel gestutzt. Mit vierzehn Jahren bin ich eingesperrt in einer schulischen Kaserne. Soldaten wachen über den Tagesablauf. Der Schulleiter ist Oberst.
    Noch im Winter müssen wir um sechs Uhr aufstehen. Es folgt der Frühappell mit Reinlichkeits- und Kleiderkontrolle, dann das Frühstück mit einer Schüssel fader Suppe. Um acht fängt der Unterricht an – im Sommer alles noch eine Stunde früher –, der bis abends um sechs dauert, unterbrochen nur vom Mittagessen und dem fürchterlichen Mittagsappell, wenn wir möglichst vor dem durchlauchtigsten Herzog strammstehen müssen und unsere Strafen zu empfangen haben. Dafür müssen wir extra den Paradeanzug anlegen, mit Weste und Rock, Dreispitzhut und Federbusch, Stiefeln und Degen. Auf dem Kopf müssen wir eine Perücke tragen, die zu frisieren eine eigene Arbeit ist. Es gehört sogar ein Zopf dazu und sogenannte Papilloten, künstliche, mit Gips versteifte Schläfenlocken.
    Eleven heißen wir nun und sollen die Kinder des Herzogs sein, unseres neuen Vaters. Einige von uns sind das in der Tat, hat sie doch der Herzog mit seinen Mätressen gezeugt. Er aber wird mein Vater nicht sein. Für ihn mache ich mich nicht zurecht – und handele mir prompt Strafen ein, weil ich mich in seiner Uniform nicht ordentlich herausputze.
    Ständig werden wir zum Petzen und Anschwärzen aufgefordert. Der Herzog will alles von uns wissen. Er schleicht sogar selbst durch die Flure, auch nachts, und versucht uns auszukundschaften. In den Türen unserer Zimmer sind Gucklöcher eingebaut. Wenigstens halten wir zusammen, jedenfalls einige von uns. Vor allem lerne ich Eins: Freundschaft ist das Einzige, was gegen solche Tyrannei hilft.
    Ich vergehe vor Sehnsucht nach meinen Eltern und bin schockiert, als ich nach einer Weile erfahre, ich könnte sie erst dann wiedersehen, wenn sie im Sterben lägen. Im ersten Jahr bin ich als Schüler noch gut, im zweiten mittelmäßig und im dritten schlecht. Oft bin ich krank und liege tagelang im Krankenzimmer, einmal fünf Wochen am Stück. Wenn ich einmal vier Wochen lang keinen Besuch von Schnupfen gehabt habe, ist das ordentlich ein Wunder.
    Hinzu kommt, dass ich Jura studieren muss, dieses Fach der Wortverdreherei, das auf dem Auswendiglernen verschnörkelter Gesetzestexte beruht. Ich versuche in einem persönlichen Brief meinen durchlauchtigsten Herzog davon zu überzeugen, doch Theologie studieren zu dürfen. Es nutzt nichts. Er entscheidet über mich und er entscheidet absolut und für die Juristerei. Ich leide unendlich.
    Aus dieser furchtbaren Welt kann ich nur fliehen, wenn ich mich in Bücher versenke. Die Gedichte Klopstocks haben es mir angetan, seine gewaltige Sprache, wenn er in seiner Ode An die Freiheit schreibt: "Oh Freiheit, Silberton dem Ohre ...!/Licht dem Verstand und hoher Flug zu denken,/Dem Herzen groß Gefühl."
    Dann erfahre ich eines Tages von den Dramen des Engländers William Shakespeare. Ein Lehrer von uns, den ich sehr verehre, Jakob Friedrich Abel, liest in einer Vorlesung einige der schönsten Stellen aus dem Drama Othello, das Christoph Martin Wieland gerade ins Deutsche übersetzt hat. Ich bin ganz Ohr und bestimmt drücken alle Züge meines Gesichts die Gefühle aus, von denen ich durchdrungen bin. Kaum ist die Vorlesung beendet, begehre ich das Buch von Abel. Von nun an lese und studiere ich es mit ununterbrochenem Eifer. Überhaupt lese ich, was ich kriegen kann, gern auch Werke von jungen deutschen Schriftstellern, die aufmucken, besonders von Johann Wolfgang Goethe. Sein Buch Die Leiden des jungen Werther verschlinge ich, auch sein Drama Götz von Berlichingen. Alles das wühlt mich auf und ist die einzige Flucht, die ich antreten kann. Ich fange selber an, Dramen zu schreiben. Gedichte, Theaterstücke, Romane – das ist in unserer Anstalt das letzte, was die Aufseher dulden würden. Eigene Lektüre ist verboten. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark wie die erste Liebe. Was sie ersticken soll, facht sie an. Die Literatur hält mich am Leben. Sie dringt durch meine Gefängnismauern. Sie gibt mir Hoffnung und eröffnet mir neue Welten – sie und die Freundschaft. Zusammen mit anderen Schülern entkommen wir so dem Tyrannen.
    1775 ergibt sich eine Wende: Der Herzog verlegt seine Residenz nach Stuttgart und nimmt seine Schule gleich mit. Bei dieser Gelegenheit eröffnet er auch einen medizinischen Studiengang und bestimmt dafür: mich! Zuerst erscheint mir die Medizin eine noch schlimmere Lehre als die Juristerei, doch dann erkenne ich darin eine eigene Chance: Die Medizin scheint mit der Dichtkunst viel mehr verwandt zu sein als die trockene Jurisprudenz. In der Medizin ist vieles im Umschwung und gefragt ist das eigene Urteil und der Verstand. Außerdem verspricht der Herzog meinem Vater sogar selbst, er könnte mir danach eine Anstellung verschaffen und mich sehr vorteilhaft versorgen. Fortan werden meine Leistungen wieder besser. Ich stelle sogar meine literarischen Neigungen zurück. Für mein Studium werde ich sogar mit Preisen ausgezeichnet und sehe als Arzt eine sichere Zukunft vor mir. Aus meiner Verschlossenheit und Einsamkeit breche ich aus und werde ein starker, selbstsicherer, lauter junger Mann, der bereit ist, die Welt herauszufordern.
   

Württemberg und der Despot Karl Eugen

Die Geschichte der Herrschaft von Schillers Landesvater über das Herzogtum Württemberg könnte kaum typischer sein. Als junger Mann regierte Karl Eugen (1728-1793) ganz im Sinn des Absolutismus: Seine Macht war vollkommen. Er hatte das alleinige Sagen in seinem Staat. Dieser Staat war noch einer der größten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Trotzdem hatte das Land nur 650000 Einwohner, die größte Stadt Stuttgart gerade einmal 20000 Bewohner. Dazu verfügte Württemberg kaum über Bodenschätze, und die Landwirtschaft erbrachte wenig. Doch zum Ausdruck seiner Macht veranstaltete Karl Eugen pompöse Feste wie der König in Frankreich, wo allein in Feuerwerken riesige Summen verpulvert wurden. Er selbst fuhr in einer achtspännigen Staatskarosse vor. Das Leben Seinesgleichen bestand oft nur darin, sich zu ergötzen und neue Vergnügungen zu suchen. Bezahlen mussten die einfachen Leute, die auch schlimmstes Unrecht erdulden mussten. Sie hatten ihrem Herzog zu dienen, wenn er dies wünschte, auch in der Form, dass sie ihm ihre Kinder abtreten mussten, als Soldaten oder schon als Schüler für seine Militär-Akademie.
    Erst als sein Staat vom Bankrott bedroht war, wandelte sich Karl Eugen vom despotischen Alleinherrscher zu einem aufgeklärten Monarchen, der Wert auf Kunst, Wissenschaft und Erziehung legte und dazu beitragen wollte, seinen Untertanen zu mehr Einsicht und Bildung zu verhelfen. Ein Resultat seiner Bemühungen war die Militär-Akademie. Dort herrschte er freilich im kleinen Maßstab so despotisch wie zuvor im Großen. Die Eleven hatten keinen Raum für sich, noch auf den Nachmittagsspaziergängen begleiteten sie Aufseher. Sie wurden sogar zu Spitzeldiensten aufgefordert, nämlich andere Schüler zu melden, die gegen die Regeln verstoßen hatten. Es gab für sie keinen Freiraum. Die Schüler sahen die eigene Familie gar nicht mehr. Schiller selbst sah seine jüngste Schwester Nanette zum ersten Mal nach seiner Entlassung aus der Militär-Akademie, als sie schon drei Jahre alt war. Frauen bekamen die Eleven sowieso nicht zu Gesicht. Es gab für die Jungen kein Quäntchen Freiheit. Die Sehnsucht danach muss riesig gewesen sein.




Weitere Bücher von Andreas Venzke

 "Der 'Entdecker Amerikas' - Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus". Benziger-Verlag, Zürich 1991

 "Christoph Kolumbus" [rororo-Monographie]. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1992

 "Johannes Gutenberg - Der Erfinder des Buchdrucks" [Kontroverse zu diesem Buch ]. Benziger-Verlag, Zürich 1993

 "Veit und ein anderer Tag". Oetinger-Verlag, Hamburg 1996

 "Zwei Fluchten". Oetinger-Verlag, Hamburg 1997

 "Tarzan auf dem Mammut". Oetinger-Verlag, Hamburg 1998

 "Carlos kann doch Tore schießen". Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999

 "Gasparan oder Die letzte Fahrt des Francis Drake". Benziger-Verlag, Zürich 1996

 "Der Grasesser". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2001

 "Pioniere des Himmels - Die Brüder Wright. Eine Biografie". Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002

 "Goethe und des Pudels Kern". Arena-Verlag, Würzburg 2007

 "Luther und die Macht des Wortes". Arena-Verlag, Würzburg 2007

 "Gutenberg und das Geheimnis der Schwarzen Kunst". Arena-Verlag, Würzburg 2008

 "Humboldt und die wahre Entdeckung Amerikas". Arena-Verlag, Würzburg 2009

 "Leben für den Frieden". Arena-Verlag, Würzburg 2009

  "Ötzi - Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Scott, Amundsen und der Preis des Ruhms". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Kleist und die zerbrochene Klassik". Arena-Verlag, Würzburg 2011

  "Berlin Berlin - Geschichte einer Nation". Arena-Verlag, Würzburg 2011
 
 

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