Andreas Venzke: Das Spiel der alten Mühle
 

Kennt ihr schon die Geschichte vom Spiel der alten Mühle? Nein? Also, die geht so: Die alte Mühle überlegt sich ... Doch halt! Erst müsst ihr wissen, wer die alte Mühle überhaupt ist.
Seht einmal die Wiese hier! Wie die sprießt von Gras und Klee und Blumen! Wie es da brummt und summt von Käfern und Bienen! Schön nicht?

Und nun schaut einmal ein bisschen genauer hin! Dort hinten, seht ihr das? Da rechts, wo noch der Morgennebel steht? Ratet mal, was dort ist! Gehen wir ein bisschen näher heran.

Genau: Das ist die alte Mühle - eine Klipper-Klapper-Mühle, die schon viele viele Jahre auf dem Buckel hat.
Das Wichtigste an ihr ist das Wasserrad. Von oben strömt da das Wasser drauf, drückt an den Schaufeln und das Wasserrad dreht sich. Im Moment bewegt es sich nicht.
Doch da links, da steht schon der Müller. Er öffnet gerade den Schieber, der dort am Bach das Wasser staut. Erst wenn der Müller den Schieber hochkurbelt, fließt das Wasser zum Wasserrad. Die Mühle läuft also nur, wenn der Müller sie braucht, wenn sie für ihn arbeiten soll. Abends schläft der Müller und dann schläft auch die alte Mühle. Und sonntags muss sie sowieso nicht arbeiten.
Nun zu der Geschichte. Also, die alte Mühle überlegt sich, wie sie das Atomkraftwerk mal wieder ausspielen ...
Noch mal halt! Wo kommt denn das Atomkraftwerk her, fragt ihr? Tja, dazu müssen wir uns noch einmal die Wiese von vorhin ansehen. Wir müssen dazu ein wenig zurückgehen.

So, ganz rechts ist die alte Mühle jetzt noch kleiner. Aber da, da links? Uih! Jetzt ist es nicht zu übersehen: Das Atomkraftwerk! Es steht da ganz still. Dabei hat es so viel Kraft, das kann man gar nicht fassen. So ein Ungetüm ist es, wie schon das Wort sagt: Atomkraftwerk!
Aber keine Angst! Schauen wir es uns näher an!

Was seht ihr jetzt? Nicht viel mehr als vorher! Stimmt. Denn ein Atomkraftwerk ist ein komisches Ding. Man kann bei ihm auch gar nicht sehen, wie es arbeitet. Man kann das noch nicht einmal sehen, wenn man hineingeht. Und dort hineingehen - das machen wir sowieso nicht. Das ist auch nicht erlaubt. Denn drinnen ist so ein Stoff, der heißt Uran. Damit läuft das Atomkraftwerk. Uran ist sehr sehr sehr gefährlich. Deswegen darf keiner mit einem Atomkraftwerk herumspielen. Seht nur die dicke Mauer und den Stacheldraht drumherum!
Dabei arbeitet es eigentlich ganz still vor sich hin, genauso still, wie es still dasteht, Tag und Nacht, auch sonntags. Es erzeugt Strom, immerzu. Nur im Notfall, da muss es sofort abgeschaltet werden. Und Strom ist ja was Tolles. Ohne Strom müssten wir die Wäsche mit der Hand waschen, das Brot im Feuer backen, abends bei Kerzenschein lesen.
Doch kommen wir wieder zu unserer Geschichte. Die alte Mühle ärgert sich nämlich über das Atomkraftwerk. Denn seit das Atomkraftwerk gebaut wurde, hat sich alles verändert.

Wie ihr seht, waren so viele Maschinen da, so viele Kräne und Bagger und Laster, dass man sie nicht zählen konnte. Und alles wurde bewacht von Polizisten und Panzern und Hubschraubern. Die wehrten sich gegen viele singende und schreiende Menschen - doch nun ist es schon lange still.

Früher haben die Menschen in der Nähe der alten Mühle gespielt. Heute kommt nur noch selten jemand, und wenn, dann ohne Freude, mit Blick immer auf das Atomkraftwerk.

Es ist jetzt Mittag und der Müller hat am Bach den Schieber wieder hinuntergekurbelt. Wie ihr seht, hat er schon viel Mehl gemahlen und das muss er nun abpacken. Das will die alte Mühle ausnutzen. Während der Arbeit hat sie sich lange überlegt, wie sie das Atomkraftwerk mal wieder ausspielen könnte. Nun ruft sie zum dem hinüber: "Na, Freund Atomschleuder? Läuft noch alles?"
"Klar, läuft noch alles!", antwortet das Atomkraftwerk. "Was denkst du denn! Ich bin immer fit, im Gegensatz zu dir. Ha ha ha!"
Die alte Mühle weiß schon, wie eingebildet das Atomkraftwerk ist. Es strahlt die ganze Zeit und es kann gar nicht anders. Da stimmt doch was nicht, denkt ihr? Stimmt. Denn sonst strahlt man doch nur, wenn man sich arg freut. Kann sich denn einer die ganze Zeit freuen? Nein! Da stimmt doch was nicht. Und deshalb reizt die alte Mühle das Atomkraftwerk, obwohl man das eigentlich nicht machen sollte! Sie spielt mit ihm.
Die alte Mühle ruft: "Als ich gebaut wurde, da rumpelten noch Pferdekutschen und die feinen Herren trugen Zylinder und alles ging viel langsamer. Ich arbeite jedenfalls schon seit 250 Jahren. Und du?"
"Das, was du in 250 Jahren arbeitest, das schaffe ich in einer Sekunde!", antwortet das Atomkraftwerk strahlend.

Auch die alte Mühle freut sich. Sie merkt, dass ihr das Atomkraftwerk mal wieder auf den Leim gehen könnte. Aber sie lässt sich nichts anmerken und ruft: "Ich arbeite ja nicht nachts."
"Du kleiner Wicht!", dröhnt das Atomkraftwerk. "Auch wenn du nachts arbeiten würdest! Du kann doch nur ein Wasserrad drehen. Ich habe so viel Kraft, ich könnte ganz allein Tausende und Tausende von deinen Wasserrädern drehen." Das Atomkraftwerk strahlt vor Stolz.
"Wie einer nur so übertreiben kann!", ruft die alte Mühle.
"Übertreiben?", kreischt das Atomkraftwerk. "Ich kann eine ganze Stadt mit Strom versorgen, alle Lampen, alle Waschmaschinen, alle Fernseher, alles, einfach alles." Das Atomkraftwerk strahlt bis über beide Ohren.

Die alte Mühle weiß, dass sie im Vergleich zu dem Atomkraftwerk schlecht dasteht. Seit vielen Jahren heißt es: Sie lohnt sich nicht mehr. Aber der Müller hält zu ihr. Trotzdem müsste sie dringend ausgebessert werden. Seht nur, wie morsch ihr Wasserrad ist!

Doch die alte Mühle weiß, dass der Müller kein Geld hat. Deswegen klagt sie auch nicht. Nur manchmal schnauft sie, wenn ihr Wasserrad nicht richtig in Schwung kommen will.
"Und was ist in hundert Jahren?", ruft die alte Mühle. "Gibt's dich dann auch noch?"
"Hundert Jahre? Weißt du überhaupt, wie lange die Menschen mit mir zu tun haben?", fragt das Atomkraftwerk und strahlt immer stärker.
"Höchstens noch ein paar Jahre", antwortet die alte Mühle, die merkt, wie das Atomkraftwerk vor Stolz fast abhebt.

"Tausende und Abertausende von Jahren", schreit das Atomkraftwerk und seine Stimme überschlägt sich. Es stellt sich vor, wie sich die heutigen Menschen und dann deren Kinder und deren Kinder ... wie die sich alle immer weiter und weiter um das Atomkraftwerk kümmern müssen. Und wenn gar nichts mehr von ihm bleibt, bleibt immer noch sein Abfall. Der muss tief unter der Erde immer und immerzu beobachtet werden. Bei diesem Gedanken strahlt das Atomkraftwerk so stark wie seit Wochen nicht mehr.

"So ein Ungetüm von Angeber!", ruft die alte Mühle.
Doch plötzlich kommt keine Antwort mehr. Die alte Mühle ruft noch ein paarmal. Aber das Atomkraftwerk meldet sich nicht mehr.
Was ist geschehen? Seht nur! Ein Auto kommt zum Atomkraftwerk gebraust.

Als das Auto hält, hastet sofort ein Mann zu dem Fahrer und sagt: "Ich verstehe nicht, warum es schon wieder so strahlt! Es ist wie verhext!"
"Verhext?", brüllt der Fahrer. "Hier geht alles mit rechten Dingen zu."
Er zieht den Mann mit sich und sie gehen mit schnellen Schritten in das Atomkraftwerk hinein.
Dann ist es still.

Seht nur wieder die alte Mühle! Viele Stunden lang lauscht sie gespannt.

Dann ist es Nacht und die alte Mühle macht kein Auge zu. Doch weil sich das Atomkraftwerk nicht wieder meldet, weiß die alte Mühle längst, dass sie es wieder ausgespielt hat. Das Atomkraftwerk hat so sehr gestrahlt, dass es abgeschaltet werden musste. Es wird sich erst in ein paar Tagen wieder melden, vielleicht erst in ein paar Wochen.
Die alte Mühle kennt das. Endlich schläft sie zufrieden ein.

Sie träumt davon, dass sich das Atomkraftwerk eines Tages zu Tode strahlt. Dann wird es für immer abgestellt und dann kann die alte Mühle in Ruhe noch einmal 250 Jahre laufen.
Sie wiegt ihr Wasserrad im ruhigen Bach und freut sich auf den Morgen, wenn der Müller sie wieder weckt.
 
 
 
 
 
 
 

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