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	<title>Andreas Venzke</title>
	<link>https://andreas-venzke.de/</link>
	<description>Willkommen auf meiner Website!
Hier bitte nichts Spektakul&#228;res erwarten! Ich bin Schriftsteller ...
Aber ich kann hier ein bisschen mehr bieten als nur die Buchstaben auf dem Papier. Gem&#228;lde von J&#246;rg Herz Um mich geht es, um
ANDREAS VENZKE.
Entsprechend der Wikipedia sind die wichtigsten Daten zu mir:
Andreas Venzke, geboren 1961 in Berlin, legte 1979 sein Abitur ab und schrieb sich anschlie&#223;end an der FU Berlin ein. Er studierte Germanistik, Publizistik und Kunstgeschichte. Nach dem Studium arbeitete er zun&#228;chst f&#252;r das Geschichtsmagazin Damals, f&#252;r dpa und f&#252;r die Spielzeit des SDR, au&#223;erdem f&#252;r verschiedene Tageszeitungen. Nebenher &#252;bersetzte er B&#252;cher wie das Bordbuch des Kolumbus. Seit 1988 lebt Andreas Venzke, der inzwischen verheiratet und Vater von drei Kindern ist, als Schriftsteller in Freiburg im Breisgau.
Und was den Schriftsteller angeht: Es liegt etwas Neues vor, seltsam passend zur Zeit, wie jemand Bestimmter sagen w&#252;rde: Etwas ganz Gro&#223;es!</description>
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		<title>Andreas Venzke</title>
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		<title>Freiburger Mahnmal</title>
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		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Stellungsnahme zur &#034;Anekdote&#034; um den &#034;Freiburger Erpel&#034; Zu einem besonderen Aspekt der Freiburger Stadtgeschichte habe ich mir erlaubt, in der &#8222;Badischen Zeitung&#8220; einen Leserbrief zu ver&#246;ffentlichen. Er bezog sich auf einen Artikel vom 27. April 2020. Darin hie&#223; es, das l&#228;dierte Denkmal eines Erpels solle, als ein Geschenk der &#8222;Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild&#8220; (Arge), renoviert und zur 900-j&#228;hrigen Stadtfeier wieder an seinen Stammplatz zur&#252;ckkehren. &lt;br class='autobr' /&gt;
So sah das Denkmal vor seiner (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;Stellungsnahme zur &#034;Anekdote&#034; um den &#034;Freiburger Erpel&#034;&lt;/h2&gt;&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;
&lt;p&gt;Zu einem besonderen Aspekt der Freiburger Stadtgeschichte habe ich mir erlaubt, in der &#8222;Badischen Zeitung&#8220; einen Leserbrief zu ver&#246;ffentlichen. Er bezog sich auf einen Artikel vom 27. April 2020. Darin hie&#223; es, das l&#228;dierte Denkmal eines Erpels solle, als ein Geschenk der &#8222;Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild&#8220; (Arge), renoviert und zur 900-j&#228;hrigen Stadtfeier wieder an seinen Stammplatz zur&#252;ckkehren.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_151 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center spip_document_avec_legende' data-legende-len=&#034;39&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/leserbrief-erpel.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH2221/leserbrief-erpel-42ca1.jpg?1678900879' width='500' height='2221' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-151 '&gt;&lt;strong&gt;Leserbrief in der &#034;Badischen Zeitung&#034;
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figcaption&gt;&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;So sah das Denkmal vor seiner Demontage aus. Die Inschrift lautet &#252;brigens: &#8222;Die Kreatur Gottes klagt, klagt an und mahnt.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_148 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center spip_document_avec_legende' data-legende-len=&#034;89&#034; data-legende-lenx=&#034;xx&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/dsc_9242.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/dsc_9242-4f62d.jpg?1678900879' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-148 '&gt;&lt;strong&gt;Erpel-Mahnmal alt
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_descriptif crayon document-descriptif-148 '&gt;Zustand des Erpels vor der Demontage und beabsichtigten Restaurierung
&lt;/div&gt; &lt;/figcaption&gt;&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;In einem weiteren Leserbrief machte mich ein Leser noch darauf aufmerksam, dass es nur das Kapitol von Rom war, das die schnatternden G&#228;nse vor den heimlich anr&#252;ckenden Galliern sch&#252;tzten ...&lt;/p&gt;
&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;Restaurierung des &#034;Freiburger Erpels&#034;&lt;/h2&gt;&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte um den Erpel ging so weiter, wie sich dies aus einem zweiten Leserbrief in der BZ vom 6. 2. 2021 entnehmen l&#228;sst, der sich wiederum auf einen Artikel bezog mit dem Titel: &#8222;Der Ur-Erpel steht Modell f&#252;r den neuen Stadtgarten-Enterich&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;Wie in der Badischen Zeitung umfangreich berichtet, soll also die Figur des Erpels im Stadtgarten tats&#228;chlich restauriert wieder aufgestellt werden. Die Skulptur, hei&#223;t es, habe die Erinnerung an die Bombennacht &#252;ber Generationen hinweg lebendig gehalten, also an die Bombardierung und Zerst&#246;rung Freiburgs durch eine englische Bomberflotte im Zweiten Weltkrieg. Nur welche Form der Erinnerung, m&#246;chte man fragen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man hat in der Nachkriegszeit geradezu verzweifelt danach gesucht, wie man dieses Ereignisses gedenken k&#246;nnte. Stimmung und Einstellung dazu waren (und sind eigentlich bis heute): Da wurde eine unschuldige Stadt, milit&#228;risch bedeutungslos, aus dem Hinterhalt &#252;berfallen. Da man in diesem Sinne nichts Ad&#228;quates zur Erinnerung fand, erfand man halt eine Geschichte, besser, entnahm diese der r&#246;mischen Geschichtsschreibung, von einem Erpel, der zur Warnung &#8222;geschnattert&#8220; h&#228;tte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das steingewordene Bekenntnis zu dieser L&#252;ge empfand man aber bald als so unangenehm, dass man sich von diesem Mahnmal wahrlich distanzierte und es weit weg von der Innenstadt in den Stadtgarten verbannte. Inzwischen ist die Geschichtsvergessenheit aber anscheinend so gro&#223;, dass man selbst angesichts einer solchen &#8222;Geschichtsklitterung&#8220; keine Scham empfindet. Das Mahnmal sei nun mal sympathisch, wird die Vorsitzende der &#8222;Arbeitsgemeinschaft Stadtbild&#8220; zitiert, und zwar so sehr, dass es einem &#8222;ein L&#228;cheln ins Gesicht zaubert, auch wenn der Anlass traurig ist&#8220;. So wird diese Skulptur fortan erst recht ein besonderes Mahnmal an den Umgang der Stadt mit ihrer Geschichte sein. Man will es nicht besser wissen.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;Die erneute Aufstellung des &#034;Freiburger Erpels&#034;&lt;/h2&gt;&lt;hr class=&#034;spip&#034; /&gt;
&lt;p&gt;Der weitere Fortgang und der Abschluss dieser Geschichte l&#228;sst sich einem weiteren, allerdings nicht ver&#246;ffentlichten Leserbrief entnehmen, der sich auf einen umfangreichen Artikel in der BZ vom 28. April 2021 bezog mit dem Titel: &#8222;Der Erpel ist im Anflug&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;Die Berichte in der Badischen Zeitung, wie das Denkmal des Erpels im Freiburger Stadtgarten nun wieder sch&#246;n hergerichtet wird, lesen sich weiterhin nett. Die Figur wird sogar neu erschaffen. Sicherlich macht der Bildhauer David Steinbr&#252;ck dabei eine sehr gute Arbeit. Aber es grenzt durchaus an Sturheit, oder gar Borniertheit, wie man sich in diesem Fall offensichtlich weigert, sehen zu wollen, was dieser komische Vogel in Wirklichkeit ausdr&#252;cken soll &#8211; oder wie man den Blick darauf sogar beschr&#228;nken will, wie das letztens Peter Kalchthaler (am 22. 2. 21) hier in der Zeitung getan hat. Seine Begr&#252;ndung lautete sinngem&#228;&#223;: Der damalige B&#252;rgermeister Hoffmann, in der NS-Zeit politisch Verfolgter, habe eine moderne Legende aufgegriffen. Die Menschen w&#252;rden angesichts von Katastrophen oft danach suchen, &#8222;das Unerkl&#228;rliche begreifbar zu machen&#8220;. Es folgt dann noch der Hinweis: &#8222;Wieder einmal w&#252;nsche ich mir in einer solchen Debatte mehr Sorgfalt im Umgang mit historischen Tatsachen und den Respekt vor Gedanken und Meinungen in der Entstehungszeit von Denkm&#228;lern &#8211; da neigen wir Heutigen oft zu einer gewissen &#220;berheblichkeit.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun f&#252;hrte diese Skulptur nach ihrer Installation an verantwortlicher Stelle bald zu gro&#223;em Unbehagen (es gab sogar den Vorschlag, sie zu einem Denkmal f&#252;r den Tierschutz umzuwidmen). Heute jedoch hat man anscheinend nicht nur keine Probleme mehr, einen konstruierten, von den R&#246;mern geklauten Schwank als Heimatgeschichte zu verkaufen, sondern man steht sogar bewusst dazu. Indem man den Erpel nun wieder original herrichtet und aufstellt, will man also weiter daf&#252;r sorgen, dass zur geschichtlichen Berichterstattung &#252;ber Freiburg auf einen angeblich schnatternden Erpel mit G&#228;nsehals verwiesen wird, der die ungesch&#252;tzte, friedlich schlafende Stadt vor dem feindlichen Angriff gewarnt h&#228;tte? Und wird nun wirklich auch der Sinnspruch dazu erneuert, darunter: &#8222;Die Kreatur klagt an&#8220;? Man muss hier wahrlich kein Psychologe sein, um die Gedanken und Meinungen in der Entstehungszeit dieses Denkmals zu verstehen, dass man n&#228;mlich auf ein Tier &#252;bertrug, was man selbst ja nicht aussprechen durfte: Die Bombardierung Freiburg war ein heimt&#252;ckisches Menschheitsverbrechen, und das geh&#246;rt eigentlich angeklagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn die Warnung offensichtlich nicht durchdringen soll: Wenn man die L&#252;ge zu einer Anekdote macht, wird sie als solche doch immer wieder zu h&#246;ren sein, vielleicht sogar schnatternd.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sieht das Denkmal heute, im Jahr 2022, aus:&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_152 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center spip_document_avec_legende' data-legende-len=&#034;61&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/dsc_4131.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/dsc_4131-d6771.jpg?1678900879' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-152 '&gt;&lt;strong&gt;Erpel-Mahnmal neu
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_descriptif crayon document-descriptif-152 '&gt;Zustand des Erpels nach der Restaurierung
&lt;/div&gt; &lt;/figcaption&gt;&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;
		
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	</item>
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		<title>FreiBURG</title>
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		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Wie er das gemacht hat? Er hat nichts anderes gemacht als das, was er ein wenig kann: Einen Text verfassen. Und auch wenn der nichts besonderes ist, hat sich daran exemplarisch gezeigt, was Buchstaben auf dem Papier oder in diesem Fall &#8211; weil es das kaum noch gibt &#8211; auf dem Display bewirken k&#246;nnen. &lt;br class='autobr' /&gt;
Was f&#252;r ein beeindruckendes Bild es ist, vom Freiburger M&#252;nster auf den bebauten Schlossberg mit seinem gewaltigen Turm zu blicken, geradezu dem Pendant zum M&#252;nsterturm. Da haben die Stadtv&#228;ter (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;Wie er das gemacht hat? Er hat nichts anderes gemacht als das, was er ein wenig kann: Einen Text verfassen. Und auch wenn der nichts besonderes ist, hat sich daran exemplarisch gezeigt, was Buchstaben auf dem Papier oder in diesem Fall &#8211; weil es das kaum noch gibt &#8211; auf dem Display bewirken k&#246;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was f&#252;r ein beeindruckendes Bild es ist, vom Freiburger M&#252;nster auf den bebauten Schlossberg mit seinem gewaltigen Turm zu blicken, geradezu dem Pendant zum M&#252;nsterturm. Da haben die Stadtv&#228;ter und heute ja vor allem auch die Stadtm&#252;tter wirklich mal was gewagt: Man kann sich kaum noch vorstellen, wie Freiburg damals aussah, ehe A. V. darauf aufmerksam machte, was der Stadt in der Neuzeit fehlte. Wie geduckt sie unten um ihre Kirche herum lag! Wie ein &#214;lfleck hatte sie sich in die Ebene nach Westen ausgebreitet, sch&#246;nsten Boden hatten die Stadtoberen daf&#252;r geopfert, die Bauern vertrieben. &#214;l kann nun mal die H&#246;he nicht erreichen, auch Wasser nicht, das aber die Ebene bedroht. Deswegen hatten sie zur Sicherung ihrer westlichen Stadtteile sogar riesige Mengen an Boden aufgesch&#252;ttet und an den H&#228;ngen des Schwarzwaldes talsperrengro&#223;e R&#252;ckhaltebecken errichtet. Aber den Kopf zu heben und in die H&#246;he zu schauen, dazu waren sie nicht in der Lage. Daf&#252;r hatten sie den nicht. Sie wollten ja sogar eine Autobahn unterirdisch durch ihre Stadt bauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie h&#228;tten nur mal auf den Turm ihres M&#252;nsters steigen m&#252;ssen, sich umsehen, wie seine Erbauer &#8211; und erkannt: Mit erhabenem Blick in Richtung Osten, zur aufgehenden Sonne, so sch&#246;n durch die Lage des M&#252;nsterchores angezeigt, h&#228;tten sie die Leere gesehen, die es zu f&#252;llen galt. Aber da hatte man ja den Wald wachsen lassen! Sie h&#228;tten auch nur den Namen ihrer Stadt mal laut vor sich hinsprechen m&#252;ssen. Aber sie wollten nicht sehen. In dieser ganzen Sache waren sie blind, geschichtsblind sowieso. So musste dieser Zugezogene ran und ihnen die Augen &#246;ffnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie lange hatte es denn gedauert, dass die Stadt ohne das war, was ihren Namen ausmacht, was 1567 Sebastian M&#252;nster wie selbstverst&#228;ndlich in seiner &lt;i&gt;Cosmographey&lt;/i&gt; &#034;mit h&#252;bschen Figuren und Landtafeln gezieret&#034; hat?&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_146 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center spip_document_avec_legende' data-legende-len=&#034;98&#034; data-legende-lenx=&#034;xx&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L458xH398/freiburg-1567-10f0f.jpg?1678904498' width='458' height='398' alt='' /&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-146 '&gt;&lt;strong&gt;Freiburg 1567
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_descriptif crayon document-descriptif-146 '&gt;Friburg im Brisgew mit M&#252;nster und Burg aus der Cosmographia von Sebastian M&#252;nster
&lt;/div&gt; &lt;/figcaption&gt;&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;1745 war es gewesen, da lie&#223;en die Franzosen in dem von ihnen endg&#252;ltig ger&#228;umten Freiburg ihre riesige, von Vauban in Perfektion errichtete Festungsanlage komplett schleifen, wie das ja hie&#223;. Wie man sich das vorstellen muss? Sie haben alles mit Sprengstoff niedergelegt. &#220;ber Jahrzehnte war der &#8222;Schlossberg&#8220; und die Gegenden vor den zerst&#246;rten Befestigungsbastionen eine Tr&#252;mmerw&#252;ste bzw. Steinbruch f&#252;r die sich neu entwickelnde Stadt geblieben. Die Burg Freiburgs aber hatte man nicht wiedererstehen lassen. Den Berg, auf dem sie (und alle ihre Nachfolgerinnen) einst thronte, hatte man sich selbst &#252;berlassen, kaum noch vom Menschen gestaltet, bis auf ein paar Parkwege und einen Hang mit Weinbau.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und heute? Auch wenn der, der die neue Entwicklung angesto&#223;en hatte, nicht mehr erleben durfte, was er mit einem einfachen Text bewirkt hatte, kann sich das Resultat nun sehen lassen. Dieses Geb&#228;ude ist wieder das, was dem Namen der Stadt Ehre macht: Dominant, markant, imposant, darum herum so viele lustige Geb&#228;ude in solcher Vielfalt. 116 Meter steigt der Burgturm auf, genauso wie sein bald 900 Jahre alter Bruder im Tal, ein sch&#246;nster Donjon der Moderne. Und erst die Burganlage: Angelegt wie der M&#252;nsterplatz in neuer Form, die Geb&#228;ude im Oval geordnet, aber mit Winkeln, Ecken und Kanten, zum Genuss von Sonne und H&#246;llent&#228;ler, und zum Schutz davor. Fast tausend Jahre nach seiner Gr&#252;ndung ist Freiburg endlich wieder komplett.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Buchstaben sei gedankt!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Freiburg, den 21. 9. 2020&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Von Gew&#246;lben</title>
		<link>https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/article/von-gewolben</link>
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		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Ihr Romanautoren, Filmemacher und moderne Stefan Zweigs, ihr habt dieses Thema noch nicht entdeckt, nicht wahr, sonst h&#228;ttet ihr es schon aufgegriffen oder verwurstet, je nach Sichtweise und Metier. Ich gebe es euch hiermit an die Hand, den Buch- und Filmstoff von dem Zusammentreffen zweier kultureller Giganten, schon angesichts ihrer Namen bezeichnend: Leonardo da Vinci und ... Hans Niesenberger! &lt;br class='autobr' /&gt;
Wenn ihr im Freiburger M&#252;nster oder im Mail&#228;nder Dom wandelt, schaut einmal hoch, (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L150xH100/arton60-9c4f7.jpg?1678942896' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='100' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;div class='spip_document_116 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_left spip_document_left'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L300xH452/kuppel-klein-c3526.jpg?1678942896' width='300' height='452' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Ihr Romanautoren, Filmemacher und moderne Stefan Zweigs, ihr habt dieses Thema noch nicht entdeckt, nicht wahr, sonst h&#228;ttet ihr es schon aufgegriffen oder verwurstet, je nach Sichtweise und Metier. Ich gebe es euch hiermit an die Hand, den Buch- und Filmstoff von dem Zusammentreffen zweier kultureller Giganten, schon angesichts ihrer Namen bezeichnend: Leonardo da Vinci und ... Hans Niesenberger!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn ihr im Freiburger M&#252;nster oder im Mail&#228;nder Dom wandelt, schaut einmal hoch, ausdr&#252;cklich dann, wenn ihr jeweils unter der Vierung steht! In Freiburg seht ihr dort die alte, im Innenraum &#8222;versteckte&#8220; Kuppel des romanischen Teils des M&#252;nsters, eine Achteckkonstruktion &#252;ber einem Viereck, in einer H&#246;he von 25 Metern aufliegend, mit einem Durchmesser von 12 Metern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dasselbe im Mail&#228;nder Dom, wo allerdings die Kuppel fast 20 Meter Durchmesser hat, auf einer H&#246;he von 45 Metern aufliegt und &#252;ber ihr ein Turm noch einmal 68 Meter aufragt.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_113 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center spip_document_avec_legende' data-legende-len=&#034;40&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/duomo_interior_05.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH333/duomo_interior_05-bd51c.jpg?1678942896' width='500' height='333' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-113 '&gt;&lt;strong&gt;Foto von Miguel Hermoso
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-113 '&gt;Miguel Hermoso
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Und dann schaut auch noch ausdr&#252;cklich auf die jeweilige Gew&#246;lbekonstruktion daneben, in Freiburg zumal auf die beiden verschiedenen Formen im Langhaus und im Chor, auf den Unterschied zwischen Hoch- und Sp&#228;tgotik!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun also das Thema: Es muss im Jahr 1485 oder 1486 gewesen sein, da sa&#223;en diese beiden Herren zusammen, der noch junge Leonardo da Vinci, gerade einmal Anfang drei&#223;ig, und der alte Hans Niesenberger, schon siebzig Jahre alt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemeinsam war ihnen, dass sie f&#252;r den aufstrebenden, ehrgeizigen Herzog von Mailand arbeiteten, Ludovico Sforza. Der hatte ein Problem: Am Mail&#228;nder Dom waren alle D&#228;cher von Langhaus, Chor und Seitenschiffen fertiggestellt, nur die Vierung musste noch &#252;berw&#246;lbt und mit einem Turm versehen werden, eine riesige architektonische Herausforderung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Erinnerung an die gro&#223;e Zeit der alten R&#246;mer schw&#228;rmte man in Italien von Kuppeln. Diese besonders galten als Ausdruck von Einfluss und Gr&#246;&#223;e. Schon 50 Jahre zuvor hatte Brunelleschi das Ma&#223; auf die Spitze getrieben und &#252;ber dem Florentiner Dom eine Kuppel von gewaltiger Dimension errichtet: Mit einem Durchmesser von 45 Metern. Nun hatte man in Mailand eine noch gr&#246;&#223;ere Kathedrale vorzuweisen, aber mit einer viel schmaleren Kuppel, &#252;ber der man jedoch einen grandiosen &lt;i&gt;tiburio&lt;/i&gt; errichten wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Genau um dieses Problem zu l&#246;sen, hatte man verschiedenste Experten herangezogen, darunter den noch jungen Leonardo, und aus Deutschland einen der bekanntesten und erfahrensten Baumeister: Hans Niesenberger.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So stie&#223;en in Mailand am Ende des 15. Jahrhunderts Welten aufeinander, zwischen Italien und Deutschland, zwischen Jung und Alt, zwischen Forscherdrang und Lebensweisheit, zwischen Renaissance und Gotik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie wunderbar lie&#223;e sich das szenisch ausschm&#252;cken: Der alte Hans, der dem jungen Leonardo erkl&#228;rt, wie man &#252;berhaupt ein Gew&#246;lbe in gro&#223;er Kunst gestaltet. Dazu legt er ihm Zeichnungen vor, auch vom Freiburger M&#252;nster, wo er daf&#252;r zust&#228;ndig ist, endlich den halbfertigen Chorbau zu vollenden. Andere h&#228;tten nicht so leicht verstanden, wie das Prinzip eines solchen Netzgew&#246;lbes funktioniert. Das Auge ist da leicht &#252;berfordert, sich an all den Linien zu orientieren. So ist es ja auch gemeint: Sich von der Kunstfertigkeit der gotischen Architektur &#252;berw&#228;ltigen zu lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leonardo versteht das Prinzip rasch &#8211; und bleibt davon unbeeindruckt. Er hat in Italien l&#228;ngst von Vitruv geh&#246;rt, von der alten r&#246;mischen Baukunst, die in aller Munde ist: Da geht es um einfache klare Formen, um Quadrat und Kreis, um Kuppeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und so k&#246;nnte man sich das wunderbar vorstellen, wie die beiden an einem Eichentisch unter dem blauen, noch unverschmutzten Mail&#228;nder Himmel zusammensitzen und sich zu verst&#228;ndigen versuchen. Besonders f&#252;r den Deutschen ist das schwierig: Was genau hei&#223;t &lt;i&gt;tiburium&lt;/i&gt; auf Deutsch, das Niesenberger als &lt;i&gt;tiburio&lt;/i&gt; im Mail&#228;nder Dialekt immer wieder h&#246;rt? Ist es die Vierung? Nein, eher etwas, was &#252;ber einer W&#246;lbung gebaut wird, also eine Art Vierungsturm. Und was hei&#223;t &#8222;Kappe&#8220;, was &#8222;Gurte&#8220;, was &#8222;St&#252;tzpfeiler&#8220;, was &#8222;Elle&#8220;, die f&#252;r den alten Mann das Ma&#223; aller Dinge ist? In Freiburg ist das ganze M&#252;nster nach dem Ma&#223; von 21 Ellen gebaut, einer so besonderen Zahl, dreimal die Sieben, vereint also die heilige Dreifaltigkeit mit der heiligen Zahl Sieben, die sich selbst aus der Drei und Vier zusammensetzt, also aus der Verbindung von Gott und der Welt mit ihren vier Jahreszeiten und ihren vier Himmelsrichtungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leonardo w&#252;rde zu verstehen versuchen und alles mit leichter Hand skizzieren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Er w&#252;rde sagen: &#8222;Ein Tonnengew&#246;lbe dr&#252;ckt die Last nicht nach au&#223;en.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und Hans w&#252;rde erwidern: &#8222;Aber der Ludovico will nicht nur eine Riesenkuppel &#252;ber der Vierung, sondern auch mit einer Riesenlast darauf. Wenn die Kuppel nur vier Kanten hat, liegt sie viel stabiler auf, und die Druckkr&#228;fte leiten wir zus&#228;tzlich nach au&#223;en ab.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#8222;Wir k&#246;nnten doppelschalig bauen&#8220;, w&#252;rde Leonardo sagen, &#8222;wie Brunelleschi in Florenz. So g&#228;be es nicht eure Strebepfeiler.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hans w&#252;rde versuchen, ruhig zu entgegnen: &#8222;Aber der Mail&#228;nder Dom ist &lt;i&gt;unsere&lt;/i&gt; Art Architektur. Da k&#246;nnen wir nicht auf einmal mit massiven Mauern arbeiten, noch dazu in einer solchen H&#246;he. Je mehr Gewicht man obendrauf packt, desto st&#228;rker dr&#252;ckt die Last nach au&#223;en.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der junge Leonardo, der all sein Wissen aus B&#252;chern und praktischer Anschauung hat, w&#252;rde fortfahren: &#8222;Aber der &lt;i&gt;tiburio&lt;/i&gt; muss hoch sein, sehr hoch, weit &#252;ber hundert &lt;i&gt;braccia&lt;/i&gt;, denn er darf nicht nur von weitem zu sehen sein. Wie s&#228;he das denn aus mit euren Strebepfeilern!&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der alte Hans w&#252;rde nun ruhig antworten, weil er am Ende seiner Tage nicht mehr den Nerv hat, v&#246;llig neu zu denken und und zu planen: &#8222;Der ganze Dom ist doch so gebaut. Unsere Architektur wirkt im Inneren, nicht au&#223;en!&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In welche Szene ein solches Gespr&#228;ch eingebettet w&#228;re &#8211; bitte, Schriftsteller und Regisseure, ihr seid gefordert! Gleich k&#228;me bestimmt Bramante als Hofarchitekt um die Ecke, um sich dazuzusetzen, oder Ludovico Sforza pers&#246;nlich, mit seinen Beratern, die dem Deutschen seine bautechnischen M&#228;ngel vorwerfen w&#252;rden ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Ausgang jedoch w&#252;rde &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt;, wenn ich gefragt w&#228;re, folgenderweise gestalten: Die beiden trinken sich zu, nehmen sich in die Arme und machen sich lustig &#252;ber den Herzog, dem man aber in seiner Bedeutung und Gr&#246;&#223;e loben m&#252;sse, damit er noch mehr Geld f&#252;r die Kunst lockermacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Also denn, ihr Romanautoren usw.: Wenn ihr dann das gro&#223;e Opus zu dem Stoff webt, n&#228;ht doch meinen Namen an einer kleinen Stelle mit ein!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anmerkung: Tats&#228;chlich gibt es in den Skizzenbl&#228;ttern von Leonardo da Vinci eine kleine Abbildung, mit ein paar Strichen dahingeworfen, die das Prinzip des Netzgew&#246;lbes zeigt, wie es dann im Chor des Freiburger M&#252;nsters verwirklicht wurde. Dazu hatte Leonardo geschrieben: &#8222;&lt;i&gt;del tedesco in duomo&lt;/i&gt;&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_114 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L409xH137/skizze-leonardo-03f7c.jpg?1678942897' width='409' height='137' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Auf dem Blatt finden sich sonst Zeichnungen von Kuppelgew&#246;lben, auf anderen Bl&#228;ttern Entw&#252;rfe von Kirchengeb&#228;uden, von denen Leonardo zu der Zeit eine Vielzahl anfertigte. Er bewarb sich eben in jenen Jahren als Architekt f&#252;r den Mail&#228;nder Dom. Von seinen Kenntnissen &#252;berzeugt, schrieb er an den F&#252;rstenhof: &#034;So wie Mediziner, Pfleger und Schwestern verstehen m&#252;ssen, was ein Mensch ist, was das Leben ist und wie es durch das Gleichgewicht und die Harmonie seiner Bestandteile aufrechterhalten wird, wobei Disharmonie zu seinem Ruin und seiner Zerst&#246;rung f&#252;hren, so ist jemand, der diese Dinge zu ihrer Reparatur gut kennt, in einer besseren Lage als jemand ohne dieses Wissen. Die Bed&#252;rfnisse der kranken Kathedrale sind &#228;hnlich. Was man braucht, ist ein &#228;rztlicher Baumeister, der wei&#223;, was ein Geb&#228;ude ausmacht und auf welchen Regeln die rechte Bauweise basiert und woher diese Regeln stammen und in welche Abschnitte sie unterteilt sind und aus welchen Gr&#252;nden die Struktur zusammengehalten wird und sie deswegen bestehen bleibt und was die Beschaffenheit des Gewichts und der Kraftlinie ist und in welcher Weise man es aufeinander beziehen sollte. Wer auch immer die wahren Kenntnisse dieser Dinge hat, wird Euch mit seiner Intelligenz und seiner Arbeit &#252;berzeugen.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leonardo verlie&#223; Mailand, als es zu einem Krieg kam, f&#252;r den er sich als Milit&#228;rstratege bei Ludovico Sforza in Stellung gebracht hatte. Der Herzog verlor den Kampf, der gegen den franz&#246;sischen K&#246;nig gerichtet war, und wurde gefangen genommen. Zur&#252;ck blieb nicht nur Leonardos Vorschlag f&#252;r den Bau des &lt;i&gt;tiburio&lt;/i&gt;, sondern vor allem das Modell f&#252;r das gr&#246;&#223;te Reiterdenkmal der Welt, das er f&#252;r den Herzog schaffen wollte. Aber das ist ein eigenes Thema, schon oft bearbeitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hans Niesenberger war zu jener Zeit einer der bedeutendsten Baumeister n&#246;rdlich der Alpen. So begehrt war sein Wissen und so angesehen seine Handwerkskunst, dass er gleich in mehreren St&#228;dten vertraglich gebunden war, in Stra&#223;burg, Freiburg, Mailand &#8211; was ihn offensichtlich &#252;berforderte, weil er &#252;berall wegen Baum&#228;ngeln angeklagt wurde. Aus Mailand brach er im August 1486 wohl &#252;berst&#252;rzt ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Freiburg hatte er die Situation vorgefunden, dass der urspr&#252;nglich geplante Chor, der bereits zur H&#228;lfte aufgemauert war, &#252;ber 130 Jahre eine Bauruine geblieben war. Erst ab dem Jahr 1471 hatten die B&#252;rger Freiburgs wieder die Mittel, um den Chor endlich fertigzustellen. F&#252;r diese bedeutende Aufgabe hatten sie Hans Niesenberger die Bauleitung anvertraut. Er sprach zwar gleich zu Beginn von &#8222;einem gro&#223;en, schweren Bau&#8220;, aber auch von seiner Hoffnung, &#8222;den zu Ende zu bringen&#8220;. Trotzdem sollte ihm das nicht gelingen. Denn auch in Freiburg wurde er vor dem Ende seines Lebens noch angeklagt. Einer der entscheidenden Gr&#252;nde bezog sich auf Fehler, die wohl w&#228;hrend seiner Abwesenheit entstanden, vielleicht weil Niesenberger seine wichtigsten Arbeiter mit nach Mailand genommen hatte. Trotzdem ist die Ausf&#252;hrung des Chors eindeutig sein geistiges Werk, auch noch das &#252;berragende Netzgew&#246;lbe, das er in Mailand dem jungen Leonardo da Vinci skizziert hatte. Doch durfte er es zu seinen Lebzeiten nicht mehr sehen: Es wurde erst fast zwanzig Jahre nach seinem Tod fertiggestellt, nur mit leichten Backsteinen ausgef&#252;llt, sodass es kaum Schub nach au&#223;en entwickelt.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_115 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/dsc_9283.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/dsc_9283-c53dc.jpg?1678942897' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&#220;brigens wurde die Vierung des Mail&#228;nder Doms Jahre sp&#228;ter doch recht schnell gebaut, nachdem weitere Experten und Gremien nach einer &#252;berzeugenden L&#246;sung gesucht hatten. Auf Dr&#228;ngen der &lt;i&gt;fabbrica&lt;/i&gt;, der Bauh&#252;tte, hatte man sich unter der Leitung von Giovanni Antonio Amadeo doch f&#252;r ein achteckiges Gew&#246;lbe entschieden, das auf sogenannten Trompen ruht. So konnte man tats&#228;chlich auf der Kuppel der Vierung einen eigenen, 68 Meter hohen und 14000 Tonnen schweren Turm errichten, gekr&#246;nt von der &lt;i&gt;madonnina&lt;/i&gt;, einer goldfarbenen Marienstatur, dem heutigen Wahrzeichen Mailands. Derjenige aber, der damit seine Macht vervollkommnet sehen wollte, der Herzog Ludovico Sforza, starb 1508, nach acht Jahren in franz&#246;sischer Gefangenschaft, acht Jahre nach der Vollendung des &lt;i&gt;tiburio&lt;/i&gt;, den auch er also nicht mehr bewundern durfte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke, 2019&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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		<title>Blick nach oben</title>
		<link>https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/article/blick-nach-oben</link>
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		<dc:date>2019-01-26T15:36:27Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;2018 war das Jahr, da wurde Dr. Dieter Salomon, der nach allen gutb&#252;rgerlichen Ma&#223;st&#228;ben die Stadt Freiburg im Breisgau lange Jahre erfolgreich regiert hatte, v&#246;llig &#252;berraschend abgew&#228;hlt. &lt;br class='autobr' /&gt;
Es hei&#223;t, der Oberb&#252;rgermeister habe sich nicht f&#252;r Kunst interessiert, und ganz bestimmt nicht f&#252;r die zeitgen&#246;ssische Kunst. Denn sonst h&#228;tte er etwa um &#8222;sein&#8220; Rundfunk-Sinfonieorchester in Freiburg gek&#228;mpft. Das wurde mit dem aus Stuttgart fusioniert und damit abgeschafft. &lt;br class='autobr' /&gt;
Aber vielleicht ist es (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L150xH99/arton59-b2ff4.jpg?1678907610' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='99' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;2018 war das Jahr, da wurde Dr. Dieter Salomon, der nach allen gutb&#252;rgerlichen Ma&#223;st&#228;ben die Stadt Freiburg im Breisgau lange Jahre erfolgreich regiert hatte, v&#246;llig &#252;berraschend abgew&#228;hlt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es hei&#223;t, der Oberb&#252;rgermeister habe sich nicht f&#252;r Kunst interessiert, und ganz bestimmt nicht f&#252;r die zeitgen&#246;ssische Kunst. Denn sonst h&#228;tte er etwa um &#8222;sein&#8220; Rundfunk-Sinfonieorchester in Freiburg gek&#228;mpft. Das wurde mit dem aus Stuttgart fusioniert und damit abgeschafft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber vielleicht ist es auch nicht jedermanns Sache, sich f&#252;r etwas einzusetzen, was oft genug schr&#228;ge T&#246;ne produziert und viel Geld verschlingt. Am Ende ging es doch immer ums Geld, und um die Macht, nat&#252;rlich. Was denn sonst? Der Oberb&#252;rgermeister hatte aber auch die Aufgabe, die Stadt Freiburg &#252;berhaupt erst wieder finanziell auf die Beine zu stellen. Immerhin war sie bei seinem Amtsantritt derart verschuldet, dass die gesamte Verwaltung vor dem Kollaps stand. &lt;i&gt;Das&lt;/i&gt; war bestimmt seine Sache, die er gut beherrschte und meisterte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und hatte er nicht doch auch die Kunst unterst&#252;tzt, eine ganz bestimmte, die ihm h&#228;tte Mahnung sein k&#246;nnen? Denn er machte sich doch f&#252;r den Ausbau des Augustinermuseums stark, ein gigantisches Projekt, das bis heute Unsummen an Geldern verschlingt. Da wurde nicht nur das wichtigste Museum der Stadt von Grund auf saniert, sondern auch in Teilen neu gebaut. Man kann dort oft &#252;ber Stunden, mit dem Museumspersonal, allein sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun geh&#246;rt zum Augustinermuseum die Skulpturenhalle, die tats&#228;chlich beeindruckend gestaltet ist.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_110 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_right spip_document_right'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L300xH225/skulpturenhalle-klein-606ed.jpg?1678907610' width='300' height='225' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht h&#228;tte er ganz oben an der Wand die verschiedenen Figuren n&#228;her betrachten sollen, die einem dort so nahe sind wie sonst nicht, wie eigentlich nicht vorgesehen. Er h&#228;tte freilich auch mit dem Fernglas vor das M&#252;nster treten und ganz weit hochschauen k&#246;nnen. Denn eigentlich sind diese Figuren, heute als Kopien, an ihrem Sockel im M&#252;nsterturm eingemauert, in einer H&#246;he von fast 70 Metern, so dass sie von unten winzig erscheinen. Doch haben sie es in sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An einem der h&#246;chsten Punkte seiner Stadt h&#228;tte er einen moralischen Ma&#223;stab finden k&#246;nnen, besonders in Form einer Figur: Der des Ritters, des hochm&#252;tigen, der Verk&#246;rperung der &lt;i&gt;superbia&lt;/i&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_111 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/5-superbia_15_.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/5-superbia_15_-441b5.jpg?1678907610' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Nicht umsonst haben die Freiburger Stadtherren mit diesen Figuren ihren M&#252;nsterturm geradezu bewehrt. Zur Mahnung h&#228;ngen sie da als Personifikationen der schlimmsten S&#252;nden der Welt, w&#228;hrend &#252;ber ihnen Posaunenengel in alle vier Himmelsrichtungen vom Nahen des J&#252;ngsten Gerichts k&#252;nden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sechzehn lange Jahre hatte der Oberb&#252;rgermeister Freiburg regiert, als erster &#8222;Gr&#252;ner&#8220; in einer solchen Funktion, passend zu diesem Zentrum von umwelt- und systemsch&#252;tzenden Spinnern und Spie&#223;ern, die ihre Mitb&#252;rger*innen schon sprachlich ein St&#252;ck weit zu besseren Menschen machen wollen, die nun in einer heute &#8222;&lt;i&gt;Green City&lt;/i&gt;&#8220; genannten Stadt wohnen d&#252;rfen, wo nichts so fortschrittlich ist wie die kommunale Politik. Die hat zwar eine moderne, durchregierte, sauteure Metropole geschaffen, kommt daf&#252;r aber ohne Innovation, ohne Vision, ohne einen modernen, alternativen Anspruch aus, gr&#252;n nur durch den angrenzenden Schwarzwald. Freiburg &#8211; ein Erfolgsmodell! Da wollte er noch einmal f&#252;r weitere acht Jahre als Oberb&#252;rgermeister regieren. Er hatte alle st&#228;dtischen Denker und Lenker hinter sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann tauchte pl&#246;tzlich ein Jungspund auf, ein Nobody, ohne politische Erfahrung, irgendwo aus der schw&#228;bischen Provinz, und machte Versprechungen &#8211; alle eigentlich nicht durchzusetzen. Doch er redete mit den Leuten, h&#246;rte ihnen zu. Er l&#246;ste den erfolgreichen Oberb&#252;rgermeister nicht nur ab. Er schickte ihn geradezu in die W&#252;ste, so eindeutig waren die Wahlergebnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Lange vorher h&#228;tte da f&#252;r den Amtsinhaber vielleicht nur der Blick hoch zum M&#252;nsterturm gereicht. Wird dort oben nicht vor einer solchen Entwicklung gewarnt, tats&#228;chlich in Stein gemei&#223;elt: Wenn man gar nicht mehr zuh&#246;rt, alles besser wei&#223;, vom eigenen Tun &#252;berzeugt ist, andere in den Senkel stellt, wenn man nicht regiert, sondern herrscht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieben Dreiecksformen leiten dort &#252;ber zur Oktogonstruktur des Turmhelms, und wo sie an die Turmlaterne sto&#223;en, wo die Wimperge der gro&#223;en Ma&#223;werkfenster ansetzen, standen den Baumeistern des M&#252;nsters also sieben Ecken zur Verf&#252;gung, um diese besonders zu gestalten. Die achte wird eingenommen vom Aufgang zum M&#252;nsterturm. Und worauf kommen sie in ihrem Glauben an die g&#246;ttlichen Zahlen, die sie &#252;berall in ihrem herrlichen Bauwerk verewigt haben? Auf die sieben Haupts&#252;nden oder Tods&#252;nden! Hoch &#252;ber der Stadt haben sie diese in Stein gefasst, fein ausgearbeitet, bis ins Detail filigran aus dem Stein geholt, als da w&#228;ren, in dieser Reihenfolge: &lt;i&gt;gula&lt;/i&gt;, die Unm&#228;&#223;igkeit, &lt;i&gt;ira&lt;/i&gt;, der Zorn, &lt;i&gt;luxuria&lt;/i&gt;, die Unkeuschheit, &lt;i&gt;invidia&lt;/i&gt;, der Neid, &lt;i&gt;superbia&lt;/i&gt;, der Hochmut, &lt;i&gt;acedia&lt;/i&gt;, die Tr&#228;gheit, &lt;i&gt;avartia&lt;/i&gt;, der Geiz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die wichtigste unter ihnen, gewisserma&#223;en die Grundlage aller S&#252;nden, ist der Hochmut, dargestellt als Ritter. Andere Figuren sind ein fressgieriges Schwein als &lt;i&gt;gula&lt;/i&gt;, ein br&#252;llender Mensch als &lt;i&gt;ira&lt;/i&gt;, der sich in seinem Zorn geradezu in einen L&#246;wen verwandelt, eine nackte Frau als &lt;i&gt;luxuria&lt;/i&gt;, genannt die Freiburger Venus, ein grinsender Fettsack als &lt;i&gt;avartia&lt;/i&gt;, der einen Geldtopf umklammert. Es fehlen zwei Darstellungen, n&#228;mlich &lt;i&gt;invidia&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;acedia&lt;/i&gt;. Die entsprechenden Figuren sind in den &#8222;Zeitl&#228;uften&#8220;, wie &lt;i&gt;Die Zeit&lt;/i&gt; schreiben w&#252;rde, verlorengegangen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch es geht um den Ritter, der nichts ist als das: Ein Ritter, und damit eine der wichtigsten Personen der damaligen Zeit, Sinnbild der Tugendhaftigkeit, angesehen wie ein Oberb&#252;rgermeister. Es brauchte kein weiteres Attribut, um den Hochmut darzustellen &#8211; au&#223;er vielleicht dem, &lt;i&gt;wie&lt;/i&gt; der Ritter dort sitzt, n&#228;mlich rittlings, breitbeinig, die H&#228;nde auf die Knie gest&#252;tzt (neudeutsch: &lt;i&gt;manspreading&lt;/i&gt;). Und weil Geschichte nun mal nicht ohne gr&#228;ssliche Ironie auskommt, befindet sich ausgerechnet der Ritter in besonderer Nachbarschaft. Die verlorenen Figuren neben ihm, der Neid und die Tr&#228;gheit, wurden ersetzt, einmal durch eine bedeutungslose, nichtssagende Figur, und dann durch eine, die wie die moderne Ausgabe des Ritters wirkt und ebenfalls den Hochmut personifiziert. Da hat sich in den 1920er Jahren der langj&#228;hrige M&#252;nsterbaumeister Dr. Friedrich Kempf in Stein hauen lassen, in ordentlicher Bildhauerarbeit, sauber ausgef&#252;hrt, ohne jegliche Ironie, ohne Hintersinn &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_108 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_right spip_document_right'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L300xH426/6-kempf_14_-2-765a1.jpg?1678907610' width='300' height='426' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Und sieht er dem ehemaligen Oberb&#252;rgermeister nicht ganz &#228;hnlich? &lt;i&gt;Ist&lt;/i&gt; er nicht auch der, sozusagen vorweggenommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, unsere Vorfahren lebten nicht im finsteren Mittelalter. Sie wussten wie wir von den menschlichen Schw&#228;chen. Aber sie haben an h&#246;chster Stelle davor gewarnt. Man muss beizeiten nur hochschauen!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke, 2019&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Der M&#252;nsterschl&#252;ssel</title>
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		<dc:date>2019-01-19T14:38:12Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Als das Langhaus des Freiburger M&#252;nsters vor so vielen Jahrhunderten l&#228;ngst Form angenommen hatte, als man endlich in gro&#223;er H&#246;he den Dachstuhl errichtet hatte, damit die Handwerker im Kircheninneren nicht mehr dem Regen ausgesetzt waren, da erschien an einem Sonntagmorgen in aller Fr&#252;he eine schwarz gekleidete Frau auf der menschenleeren Baustelle. Sie kam auf der S&#252;dseite durch das Lammportal und sah sich pr&#252;fend um, als wollte sie sich vergewissern, dass alle Arbeiten gut vorank&#228;men. (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L75xH150/arton58-387b7.jpg?1678942908' class='spip_logo spip_logo_right' width='75' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;div class='spip_document_103 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/schlussel-1.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/schlussel-1-aed39.jpg?1678898962' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Als das Langhaus des Freiburger M&#252;nsters vor so vielen Jahrhunderten l&#228;ngst Form angenommen hatte, als man endlich in gro&#223;er H&#246;he den Dachstuhl errichtet hatte, damit die Handwerker im Kircheninneren nicht mehr dem Regen ausgesetzt waren, da erschien an einem Sonntagmorgen in aller Fr&#252;he eine schwarz gekleidete Frau auf der menschenleeren Baustelle. Sie kam auf der S&#252;dseite durch das Lammportal und sah sich pr&#252;fend um, als wollte sie sich vergewissern, dass alle Arbeiten gut vorank&#228;men. Bed&#228;chtig ging sie zwischen den verschiedenen Teilen des Lehrger&#252;sts f&#252;r das noch zu mauernde Dachgew&#246;lbe umher, strich manchmal fast z&#228;rtlich &#252;ber die zugeh&#246;rigen Steine und blieb dann an einem der gewaltigen B&#252;ndelpfeiler an der alten, unter dem Dach versteckten Vierungskuppel stehen. Da stand sie lange und schaute auf und ab, ehe sie wie selig l&#228;chelte. Immer wieder nahm sie den Kopf zur&#252;ck und schaute hoch &#252;ber sich auf den Pfeiler.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das beobachtete der Parlier, der an diesem sonnigen Tag kurz vor ihr das Langhaus betreten hatte, um noch einmal die Arbeit der Steinmetze abzusch&#228;tzen. Er ma&#223; mit der Spanne seiner schwieligen Hand einen Gew&#246;lbeschlussstein aus, dessen kreisrunde &#214;ffnung ein Steinmetz in monatelanger Arbeit mit herrlichem Pflanzenornament eingefasst hatte. Ein Maler hatte es in sch&#246;nsten Farben noch hervorgehoben, es sogar mit Blattgold verziert. Vielleicht schon in der n&#228;chsten Woche w&#252;rde der fast mannsgro&#223;e Schlussstein von unten nur aus weiter Entfernung zu betrachten sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus dem Augenwinkel blickte der Parlier immer wieder hin zu der Frau. Sie r&#252;hrte sich nicht von der Stelle, und da ging er das ganze lange Kirchenschiff hindurch zu ihr. Er r&#228;usperte sich in ihrem R&#252;cken, damit sie sein Kommen bemerkte. Als h&#228;tte sie ihn erwartet, drehte sie wie eine mausernde Katze schnell den Kopf zu ihm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Parlier machte eine beschwichtigende Handbewegung und gr&#252;&#223;te sie h&#246;flich. Sie war auch im Alter noch h&#252;bsch, wie er fand, mit ganz wei&#223;er Haut, hohen Wangenknochen und zarten Gliedern. Er sprach mit ihr erst allgemein &#252;ber die Arbeit der Bauh&#252;tte, dann, als w&#252;rde sie das Gespr&#228;ch in diese Richtung lenken, &#252;ber die Struktur der Pfeiler, dass man die Steine daf&#252;r am Anfang jeweils einzeln genau bearbeitet und also auch einzeln genau eingepasst hatte, dass dieses System dann mit dem Baufortschritt vereinfacht worden war. Dabei suchte er mit dem Blick die W&#246;lbungen des Pfeilers ab &#8211; und sah pl&#246;tzlich das Zeichen: Ein wenig versteckt in einer Kehle zweier schmaler Dienste!&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_105 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_right spip_document_right'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L144xH288/schlussel-3-klein-22424.jpg?1678898962' width='144' height='288' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&#8222;Ein Schl&#252;ssel&#8220;, sagte er laut und &#252;berrascht. Er hatte es vorher nie gesehen. Manche Steinmetze machten solche Sp&#228;&#223;e, indem sie heimlich solche Zeichen in ihr Werk schlugen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau err&#246;tete zwar wie ein sch&#252;chternes M&#228;dchen, aber zugleich zog sie nickend wie eine Lehrerin, die recht behielt, die Stirn hoch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun war die Neugier des Parliers angestachelt. Er machte nicht mehr viele Worte, fragte sie nur nach dem Schl&#252;ssel &#8211; und hielt sich den Finger an den Mund als Zeichen, dass er verschwiegen bleiben w&#252;rde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau sah den Parlier pr&#252;fend an, und er nickte ihr zu, als w&#228;re er der Richter, dem sie im Prozess vertrauen k&#246;nne.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann sagte die Frau mit heller Stimme:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;&#8222;D&#251; bist m&#238;n, ich bin d&#238;n. / Des solt d&#251; gewis s&#238;n. / D&#251; bist beslozzen / in m&#238;nem herzen&#8220;&lt;/i&gt;,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;worauf der Parlier einstimmte, weil jedermann das kleine Lied kannte:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;&#8222;Verlorn ist das sluzzel&#238;n: / D&#251; muost ouch imm&#234;r darinne s&#238;n.&#8220;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau l&#228;chelte fein, als h&#228;tte ein Richter ihre Meinung best&#228;tigt, und sagte leise, aber mit ganz klarer Stimme: &#8222;Ich lebte in Freiburg, als aus der Fremde bestellte Werkleute mithalfen, hier die Pfeiler f&#252;r das neue Kirchenschiff aufzustellen. Und unter ihnen war ein junger Mann. Der machte mir den Hof. Wir haben uns gut verstanden und trafen uns manchmal, heimlich.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#8222;Das muss lange her sein,&#8220; unterbrach der Parlier, &#8222;bestimmt eine Generation lang.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#8222;Noch viel l&#228;nger&#8220;, fuhr sie fort und ihre Augen leuchteten gro&#223;. &#8222;Ich wurde dann einem wohlhabenden Mann in Gm&#252;nd versprochen, und ich zog mit ihm dorthin, ins Schw&#228;bische. Nun, da er von mir gegangen ist, wollte ich noch einmal das sch&#246;ne Freiburg sehen und feststellen, ob der Schl&#252;ssel passt.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Parlier verstand nicht und sah hoch zu dem Schl&#252;ssel an dem Pfeiler.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da fuhr die Frau mit einer Hand in ihr Gewand und zog einen Schl&#252;ssel hervor. Sie hielt ihn vorsichtig hoch zu dem Zeichen am Pfeiler, konnte es aber nicht erreichen. Der Parlier half ihr. Er nahm vorsichtig ihren Schl&#252;ssel, den sie ihm gern &#252;berreichte, stellte sich auf Zehenspitzen auf den Pfeilersockel, streckte eine Hand weit und hielt ihn vor das Zeichen im Stein. Der Schl&#252;ssel passte genau auf die Abbildung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau sah zu Boden und atmete durch. Aber sie sah schnell wieder auf und sagte l&#228;chelnd: &#8222;Er kam aus Thann und wird vielleicht schon gestorben sein. Aber ich sehe, er hat sein Versprechen wahr gemacht, dass sein Schl&#252;ssel, den er mir zum Abschied geschenkt hatte, f&#252;r immer hier drin sein muss.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Parlier stand ganz starr und wusste nicht, was er sagen sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau verabschiedete sich dann recht schnell. Sie dr&#252;ckte aber dem Parlier mit ihren feinen Fingern noch lange seine grobe, zerfurchte Hand, ehe sie mit z&#252;gigem Schritt durch das Nordportal des Querhauses hinausging.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erst als sie hinter der Mauer des Kirchhofs verschwunden war, hob der Parlier seine Hand, in der etwas eingeschmiegt war. Er schaute auf den Schl&#252;ssel der alten Frau und machte eine Bewegung, hinter ihr herzulaufen. Doch er verstand und steckte ihn ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An einem der n&#228;chsten Tage, als an der ersten Gew&#246;lbekappe des Langhauses weitergemauert wurde, schlug der Parlier zur Verwunderung der Handwerker eine Einkerbung in einen Stein des Spitzbogens, der von dem Dienst mit dem Schl&#252;sselzeichen getragen war. Sie waren &#252;berrascht, wie schnell und sicher er das Eisen f&#252;hrte, und sie dachten wohl an ein Gl&#252;ckszeichen oder an ein Bauopfer&#8218; als der Parlier dann den Schl&#252;ssel in der Einkerbung versenkte. Etwas sp&#228;ter verm&#246;rtelte er selbst an dieses Bogenst&#252;ck einen der leichten Steine der Gew&#246;lbekappe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All das unterbrach die Arbeit der Steinmetze auf besondere Weise, und sie stimmten alle lachend ein, als er am Ende noch sprach: &lt;i&gt;&#8222;Verlorn ist das sluzzel&#238;n: / D&#251; muost ouch imm&#234;r darinne s&#238;n.&#8220;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke, 2019&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Affenliebe</title>
		<link>https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/article/affenliebe</link>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Seht Ihr, wenn Ihr durch das Hauptportal des Freiburger M&#252;nsters kommt, gleich am ersten Pfeiler links den Affen? Dort auf der Konsole unter der Figur des Heiligen Petrus ... Was f&#252;r eine seltsame Abbildung! &lt;br class='autobr' /&gt;
Da hockt eine Affenmutter, die sich mit den F&#252;&#223;en und einer Hand vom Stein abzudr&#252;cken scheint. Sie ist auf der Flucht, wie das auch ihr Gesicht ausdr&#252;ckt: Die aufgerissenen Augen, der offene Mund! Und dazu tr&#228;gt sie vor ihren Br&#252;sten zwei Junge, nein, eigentlich nur eins: Halten tut (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L150xH100/arton57-504bc.jpg?1678905658' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='100' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;Seht Ihr, wenn Ihr durch das Hauptportal des Freiburger M&#252;nsters kommt, gleich am ersten Pfeiler links den Affen? Dort auf der Konsole unter der Figur des Heiligen Petrus ... &lt;br class='autobr' /&gt;
Was f&#252;r eine seltsame Abbildung!&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_100 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/dsc_8235.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/dsc_8235-e8d92.jpg?1678905658' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Da hockt eine Affenmutter, die sich mit den F&#252;&#223;en und einer Hand vom Stein abzudr&#252;cken scheint. Sie ist auf der Flucht, wie das auch ihr Gesicht ausdr&#252;ckt: Die aufgerissenen Augen, der offene Mund! Und dazu tr&#228;gt sie vor ihren Br&#252;sten zwei Junge, nein, eigentlich nur eins: Halten tut sie nur das Junge in ihrer linken Hand, w&#228;hrend das andere sich selbst an ihrer Brust s&#228;ugend festh&#228;lt.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_102 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_right spip_document_right'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L200xH443/petrus-9cb39.jpg?1678905658' width='200' height='443' alt='' /&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Was hat das zu bedeuten? Und warum ist diese Abbildung unter der Figur des Petrus angebracht?&lt;br class='autobr' /&gt;
Es passt, wenn man nur von Zweierlei wei&#223;:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So schreibt Plinius der &#196;ltere in seiner &#8222;Naturgeschichte&#8220; (hier in einer &#220;bersetzung von Philipp H. K&#252;lb von 1840):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;&#8222;Das Affengeschlecht hat eine &#252;beraus gro&#223;e Liebe zu seinen Jungen. Die zahmen Weibchen, welche in den Wohnungen der Menschen geboren haben, tragen ihre Jungen auf den Armen, zeigen sie Jedermann und freuen sich, wenn man sie streichelt, gleich als wenn sie die&#223; als eine Begl&#252;ckw&#252;nschung betrachteten; de&#223;halb ersticken sie dieselben auch sehr oft durch ihre Umarmungen.&#8220;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und Petrus? Wie kommt der hier ins Spiel? Als Jesus seinen Leidensweg angek&#252;ndigt hatte und Petrus ihm deswegen Vorw&#252;rfe machte, hei&#223;t es dazu weiter in der Bibel (ab Markus 8,27):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;&#8222;Er aber wandte sich um und sah seine J&#252;nger an und bedrohte Petrus und sprach: Gehe hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was g&#246;ttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen J&#252;ngern und sprach zu ihnen: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben will behalten, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird's behalten.&#8220;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So geht das also zusammen: Die Affenmutter flieht und will das Leben ihrer Jungen retten: Doch das kann wohl nur bei dem einen gelingen, das sich n&#228;mlich aus eigenen Kr&#228;ften an ihr festh&#228;lt. Das andere wird sie verlieren, weil sie es unbedingt behalten will und es deswegen &#8211; in ihrer gro&#223;en Liebe &#8211; an sich dr&#252;ckt. Und so ist das auf Jesus und den Glauben an ihn zu &#252;bertragen. Krass, nicht wahr?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sonst lie&#223;e sich noch viel zu dem Begriff &#8222;Affenliebe&#8220; bemerken, den es so wohl nur im Deutschen gibt. Wie schon die Alten sahen, halten die Affenm&#252;tter ihre Jungen immer gesch&#252;tzt an sich. Im Vergleich zu den Menschenm&#252;ttern stand das als Sinnbild f&#252;r &#252;berm&#228;&#223;ige Liebe. Die Strafe folgte damit auf dem Fu&#223;e: Die Affenm&#252;tter w&#252;rden ihre Babys deswegen oft ersticken. Schwarze P&#228;dagogik, wie sie bis in die Neuzeit vorherrschte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und dann w&#228;re da noch ein ganz anderer Aspekt: Es ist wahrscheinlich, dass der Affe eine Gugel tr&#228;gt. Das war eine Art Kapuze, die bis &#252;ber die Schulter reichte. Ihre Spitze w&#228;re hier nach vorn gezogen. Die Gugel war im Mittelalter den Juden oft als Kopfbedeckung vorgeschrieben, als eine besondere Form von &#8222;Judenhut&#8220;. Weil wiederum der Affe als das h&#228;sslichste Tier galt, h&#228;tte man sich mit dieser Darstellung auch einen sozusagen n&#228;rrischen Seitenhieb auf die Juden erlaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke, 2018&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Die t&#246;richte Jungfrau</title>
		<link>https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/article/die-torichte-jungfrau</link>
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		<dc:date>2018-11-23T09:14:59Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Wo heute in der herrlichen Vorhalle des Freiburger M&#252;nsters der Nasenfl&#246;ter unter einer der klugen Jungfrauen herausragt (wenn man eintritt: hinten links an der Nordwand), da hing urspr&#252;nglich ein ganz anderes Gesch&#246;pf, und das kam so: Lassen wir es im Jahr 1285 gewesen sein. Da drang durch die M&#252;nsterbauh&#252;tte ein kurzer, aber lauter Pfiff. Konrad deckte in der hinteren Ecke sofort sein Werkst&#252;ck ab und machte ein paar schnelle Schritte hin zu seiner letzten gro&#223;en Skulptur, der f&#252;nften der (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.andreas-venzke.de/offentliches/munstergeschichten-29/" rel="directory"&gt;M&#252;nstergeschichten&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L140xH150/arton56-72ba9.jpg?1678942908' class='spip_logo spip_logo_right' width='140' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;Wo heute in der herrlichen Vorhalle des Freiburger M&#252;nsters der Nasenfl&#246;ter unter einer der klugen Jungfrauen herausragt (wenn man eintritt: hinten links an der Nordwand), da hing urspr&#252;nglich ein ganz anderes Gesch&#246;pf, und das kam so: Lassen wir es im Jahr 1285 gewesen sein. Da drang durch die M&#252;nsterbauh&#252;tte ein kurzer, aber lauter Pfiff. Konrad deckte in der hinteren Ecke sofort sein Werkst&#252;ck ab und machte ein paar schnelle Schritte hin zu seiner letzten gro&#223;en Skulptur, der f&#252;nften der t&#246;richten Jungfrauen. Die Steinmetze waren eine verschworene Gemeinschaft. Alle wollten sie mit daf&#252;r sorgen, dass Meister Gerhart eins ausgewischt bekam.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad war noch jung, war aber schon viel in der Welt herumgekommen, vor allem in Frankreich. Dort hatten sie die neue Bauweise erfunden: Mit Hilfe von Spitzb&#246;gen, Ma&#223;werk und Strebepfeilern die W&#228;nde immer durchl&#228;ssiger und leichter zu machen. So konnte man Gottesh&#228;user bis unter den Himmel bauen. Die Franzosen hatten auch die meiste Erfahrung mit dieser neuen Technik. Da blieb so viel Raum f&#252;r Fenster &#8211; und f&#252;r Figuren, die so schlank wurden wie die neuen Pfeiler und S&#228;ulen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Obwohl Konrad immer noch Geselle war, konnte er l&#228;ngst nahezu fehlerfrei mit dem Eisen umgehen. Sein alter Herr Friedrich, mit dem er aus Stra&#223;burg ins nahe Freiburg gekommen war, erkannte das neidlos an. Und nicht nur das: Konrad wusste immer von Anfang an, welche Figur sich in welchem Stein verbarg. Auch bei seinem kleinen, geheimen Werkst&#252;ck hatte er sofort das ganz besondere Wesen darin gesehen. Friedrich hatte ihn von Anfang an damit gew&#228;hren lassen. Er mochte Sp&#228;&#223;e.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Fing Konrad an zu arbeiten, war es eine Freude, ihm zuzuschauen. Wie bei einer sprudelnden Quelle spritzten die abgeschlagenen Teile von dem Stein, bis bald ein unf&#246;rmiger Kopf zu erkennen war. Bis Mittag stand an dem Kopf ein Ohr ab, am Abend zum Werkschluss schauten einen aus dem Kopf schon zwei Augen an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad hatte starke Arme. Er konnte stundenlang das Eisen treiben. Mit seiner Arbeit war aber Meister Gerhart, der Leiter der Freiburger M&#252;nsterbauh&#252;tte, nie zufrieden. Kein Geselle konnte es ihm je recht machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Jetzt kam Meister Gerhart w&#252;tend von der Baustelle, wo sich die Arbeiten f&#252;r die Kapelle &#252;ber der Vorhalle verz&#246;gerten, weil die Zange einen gro&#223;en Eckstein nicht fassen konnte. &#220;ber der Kapelle sollte endlich der Glockenstuhl gebaut werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Das ist eine von den &lt;i&gt;t&#246;richten&lt;/i&gt; Jungfrauen&#8220;, rief Meister Gerhart aufgebracht und eilte gleich zu Konrad, der sofort wieder zu h&#228;mmern angefangen hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad hielt inne, senkte sein Eisen und sch&#252;ttelte den schmerzenden Arm aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Sie muss deshalb nicht weinen, nur weil sie mal t&#246;richt war, Meister&#8220;, sagte er. &#8222;Und was hei&#223;t &#252;berhaupt: t&#246;richt?&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Du bist aufs&#228;ssig&#8220;, rief Meister Gerhart drohend mit trompetender Stimme. Die brauchte er wohl, um sich im L&#228;rm der Baustelle Geh&#246;r zu verschaffen. &#8222;Aufs&#228;ssig und hoff&#228;rtig wie alle ihr! Immerhin kannst du arbeiten. Aber ich will das nicht schon wieder besprechen.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Meine Frau wird eine traurige sein&#8220;, sagte Konrad und schaute pr&#252;fend in das Antlitz seiner Skulptur, der letzten der f&#252;nf t&#246;richten Jungfrauen f&#252;r die Vorhalle des M&#252;nsters.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Er hatte sich alle M&#252;he gegeben, schon an der Kleidung seine Kunst zu zeigen. Die Frau lie&#223; ihren Mantel herabh&#228;ngen und hatte ihn um die H&#252;fte geschwungen. Warum zeigte sie sich so frei und offen? Das hatte Meister Gerhart ihn schon ein paar Mal gefragt. Sie hatte ja kein Ersatz&#246;l mitgenommen und war deswegen von dem Br&#228;utigam abgewiesen worden. Sie durfte nicht durch die Pforte treten. Dann verschaffte sie sich eben Luft und ging nach Hause, dachte sich Konrad.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Sie wird viel zu h&#252;bsch&#8220;, zischte Meister Gerhart drohend. &#8222;Und wie sie &#252;berhaupt schaut: Hochm&#252;tig, starrsinnig, besserwisserisch! Sie ist eine &lt;i&gt;t&#246;richte&lt;/i&gt; Jungfrau.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Vielleicht hat sie einen Fehler gemacht&#8220;, warf pl&#246;tzlich der alte Herr Friedrich ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#8222;Aber deswegen muss sie nicht h&#228;sslich oder ungestalt sein, und einf&#228;ltig schon gar nicht.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Du stehst auch zu ihr!&#8220;, rief Meister Gerhart trompetend auch durch die Nase. &#8222;Das ist S&#252;nde. So ist das keine Gottesarbeit, wie sich das f&#252;r uns geh&#246;rt. So ein Betragen habt ihr aus Stra&#223;burg mitgebracht. Wenn ich nur an eure Figur der Synagoge denke. Die habt ihr dort noch sch&#246;ner gemacht als die Ecclesia.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Pl&#246;tzlich erf&#252;llte Stille den Raum. In Stra&#223;burg hatten sie auch der Synagoge ihre W&#252;rde gelassen. Konrad sah zu den anderen Steinmetzen. Sie hatten ebenfalls mit ihrer Arbeit aufgeh&#246;rt und lauschten dem Gespr&#228;ch. Er sah, wie sein bester Freund Jung-Peter in sich hineinl&#228;chelte. Der alte Herr Friedrich runzelte die Stirn und schaute in den Himmel, als g&#228;be es dort Zeichen zu entdecken. Die blasse Sonne ging schon wieder unter, und jetzt im Oktober bedeutete das, dass auch der Arbeitstag bald enden w&#252;rde. In dem tr&#252;ben Licht von Kerze und Kienspan konnte keiner mehr richtig arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad sp&#252;rte tief im Inneren, dass alle zu ihm hielten, dass alle ihn unterst&#252;tzten, auch mit seinem geheimen Werkst&#252;ck. Das tat gut. Es befreite von allem Druck. Als er das Schrifteisen ansetzte, um am G&#252;rtel seiner Frau die Falten des Stoffes herauszuarbeiten, h&#246;rte er, wie auch die anderen ihre Arbeit fortsetzten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Als f&#252;hlte sich Meister Gerhart durch das Schweigen im Recht, atmete er durch und rief noch: &#8222;In einer Woche ist Allerheiligen. Bis dahin m&#252;ssen die Figuren f&#252;r die Seitenw&#228;nde fertig sein, und zwar alle, auch alle Bestien an den Konsolen.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Dann zog er sein Taschentuch hervor, schn&#228;uzte sich dr&#246;hnend und ging mit schwerem Schritt aus dem Raum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad dachte an &lt;i&gt;seine&lt;/i&gt; Bestie. Er stellte sich vor, dass sein Tier ganz laute, aber sch&#246;ne Ger&#228;usche machen konnte. Und er dachte an Stra&#223;burg. Er freute sich darauf, mit seinem Werkstattverband wieder dorthin zur&#252;ckzukehren. Er war lange genug in der Fremde gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Die weiteren Tage vergingen in gesch&#228;ftiger Arbeit. Die Stra&#223;burger Steinmetze hatten ihren Ehrenkodex, und sie hatten ihren Vertrag zu erf&#252;llen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad h&#228;mmerte aber auch nach Arbeitsschluss weiter am Stein, an seiner ganz eigenen Kreatur, die ebenfalls noch fehlte. Nur eine Kerze leuchtete ihm den Weg des Eisens. Die anderen lie&#223;en ihn. Sie deckten ihn. Tags&#252;ber hoben sie manchmal das Tuch hoch, mit dem Konrad sein geheimes Werkst&#252;ck verh&#252;llte. Dann freuten sie sich und grinsten und staunten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Endlich waren auch die letzten der neuen Figuren bemalt und in die Vorhalle des M&#252;nsters gebracht. Die sperrten die Steinmetze ab, um ungest&#246;rt ihr Werk zu vollenden. Zuerst befestigten sie die noch fehlenden Konsolen mit den Tiergestalten, erst am Schluss Konrads kleines Werk. Es brauchte dann gro&#223;e Kr&#228;fte, um die Jungfrauen-Skulpturen mit Seilen, Rollen und dem Flaschenzug auf die Konsolen zu hieven. Es brauchte Fingerspitzengef&#252;hl. Es war ein Werk f&#252;r die Ewigkeit. Es war Gotteswerk.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Erst am Abend vor Allerheiligen hievten sie die letzten beiden Figuren auf ihre Sockel, eine letzte t&#246;richte und eine letzte kluge Jungfrau. Klein-Peter murmelte scherzhaft, sie sollten aufpassen, die beiden Figuren nicht zu vertauschen. Wenn die Lampen nicht w&#228;ren, die sie in den H&#228;nden hielten &#8211; man k&#246;nnte sie kaum auseinanderhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; F&#252;r die Feier am n&#228;chsten Tag machten sich auch alle Handwerker fein. Konrad freute sich auf das gute Essen und Trinken nach dem Gottesdienst, auf den kr&#228;ftigen Wein vom Kaiserstuhl. Die Glocken, die noch an einem einfachen Ersatzger&#252;st etliche Schritte vor dem Hauptportal hingen, l&#228;uteten schon so klar und rein, als w&#252;rden sie vom Ende aller Arbeit zeugen, angefangen mit dem hellen Klingeln des Silbergl&#246;ckchens bis zum dumpfen Schlagen der m&#228;chtigen Hosanna. Dabei war doch der M&#252;nsterturm nicht einmal zur H&#228;lfte fertiggestellt. Es fehlte noch das Geschoss f&#252;r den Glockenstuhl, und es fehlten dar&#252;ber noch die Laterne und der Helm. Die w&#252;rden den Turm bis unter den Himmel schrauben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad war &#252;berrascht, wie viele Freiburger B&#252;rger nach dem Gottesdienst zu ihnen kamen und sie zu ihrer Arbeit begl&#252;ckw&#252;nschten. Viele lachten verschmitzt, und einige klopften sich dabei auf den Kopf oder r&#252;ckten ihren Hut zurecht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Zum Schluss kam in Begleitung von Meister Gerhart sogar der Stadtpfarrer zu ihnen. Beide machten ein seltsames Gesicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Der Stadtpfarrer sagte: &#8222;Ich bin schwer von eurer Arbeit beeindruckt. Ihr habt die Bibel wahrlich sprechen lassen. Nun sehen alle Gl&#228;ubigen, wenn sie die Kirche betreten, was es bedeutet, auf die entscheidende Stunde nicht vorbereitet zu sein. Nur diese eine Kreatur ...&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Das bezahlt ihr mir!&#8220;, trompetet da Meister Gerhart heraus. &#8222;Was soll das denn? Ein Kranich, ein L&#252;tke! Der passt doch gar nicht in die Reihe! Der Schnabel, wie der hervorsteht! Noch morgen Abend ist das Teil wieder ver...&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Was f&#252;r eine herrliche Darstellung von diesem Vogel, diesem Symbol der Wachsamkeit&#8220;, sagte der Pfarrer mit fester Stimme zu Meister Gerhart. &#8222;Besser l&#228;sst sich doch nicht versinnbildlichen, was unsere klugen Jungfrauen ausmacht.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Der Kranich gilt aber auch als starrsinnig und &#252;bergenau&#8220;, warf Meister Gerhart schnell ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Auch das darf ruhig herausgestellt werden, wie bei den anderen Bestien, der unzufriedenen Ziege, dem vorlauten Hasen, dem eitlen Affen&#8220;, sagte der Pfarrer ruhig, ehe er Meister Gerhart l&#228;chelnd ansah und fortfuhr: &#8222;Und wenn ich mir erlauben darf: Der Hut, den der Kranich tr&#228;gt, ist das nicht Ihrer? Und das Antlitz auf dem Stein, den er in der Kralle h&#228;lt ... ich habe fast den Eindruck, &lt;i&gt;Sie&lt;/i&gt; w&#228;ren darin zu erkennen. Was es doch f&#252;r Gestalten gibt in der Welt! Gottes Macht aber &#252;berwindet sie. Auch dieser Kranich wird immer daran mahnen, dass in jedem Augenblick zur entscheidenden Stunde gerufen werden kann, von wem auch immer. Danke f&#252;r eure Arbeit.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Meister Gerhart starrte ihn mit offenem Mund an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &#8222;Und diese t&#246;richte Jungfrau, die f&#252;nfte&#8220;, rief er aufgebracht mit viel Druck durch die Nase, &#8222;die ist doch zu h&#252;bsch, einfach zu h&#252;bsch! Und wen schaut sie &#252;berhaupt an? Auch noch diesen Kranich!&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Der Stadtpfarrer sah ihn zweifelnd an, sch&#252;ttelte kaum merklich den Kopf und sprach dann laut zu allen Steinmetzen: &#8222;Wir sind doch alle S&#252;nder, nicht wahr? Auch Sch&#246;nheit sch&#252;tzt vor S&#252;nde nicht, im Gegenteil, vielleicht ganz im Gegenteil. Danke euch allen, danke!&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Konrad feierte mit den Steinmetzen an diesem Abend ein ausgelassenes Fest. Sp&#228;ter kam auch Meister Gerhart noch. Er trank ihnen zu und lachte und nahm Konrad in den Arm.&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_98 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/kranich.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH303/kranich-7a98d.jpg?1678905289' width='500' height='303' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Konrad schuf in Stra&#223;burg noch weitere, herrliche Figuren. Als am Freiburger M&#252;nster endlich die Arbeit am alles &#252;berragenden Turmaufbau begann, war er aber schon gestorben. Keiner wei&#223;, ob ihm je einer gesagt hatte, was in der Vorhalle sp&#228;ter mit seiner Vogelkreatur geschehen war: Jemand hatte sie abgeschlagen, auch die Hand seiner t&#246;richten Jungfrau, die in Richtung des Kranichs gezeigt hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Wenn aber in Freiburg der Stadtpfarrer den Gl&#228;ubigen die christliche Geschichte erkl&#228;rte und dazu wie ein Lehrer mit einem Stock auf alle die besonderen Figuren in der Vorhalle zeigte, stellte er sich bis ans Ende seiner Tage immer auf die erste Stufe unter dem verlorenen Kranich und erwiderte den Blick von Konrads t&#246;richter Jungfrau.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Daran sollte man denken, wenn man einmal wieder die Skulpturen der Vorhalle des Freiburger M&#252;nsters bewundert. Vielleicht wussten die Menschen sp&#228;ter noch von dieser besonderen Begebenheit, als n&#228;mlich ein moderner Steinmetz an die Stelle des entflogenen Kranichs den Nasenfl&#246;ter setzte. Aber das ist eine andere Geschichte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke, 2018&lt;/p&gt;
&lt;div class='spip_document_99 spip_document spip_documents spip_document_image spip_documents_center spip_document_center'&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;a href='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/jpg/sudwand-1-5d.jpg' class=&#034;spip_doc_lien mediabox&#034; type=&#034;image/jpeg&#034;&gt; &lt;img src='https://www.andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L500xH332/sudwand-1-5d-a18ac.jpg?1678905290' width='500' height='332' alt='' /&gt;&lt;/a&gt;
&lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;Andreas Venzke: &lt;i&gt;Von den klugen und t&#246;richten Jungfrauen&lt;/i&gt; in der Freiburger M&#252;nstervorhalle&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Wohl kaum eine religi&#246;se Erz&#228;hlung gefiel den Menschen des Mittelalters so wie die von den klugen und t&#246;richten Jungfrauen. Man findet die Darstellung an vielen gotischen Kathedralen. Durch sie lie&#223; sich am besten der Weg zur richtigen Einstellung im Glauben beschreiben: Man muss immer darauf vorbereitet sein, dass Christus wiederkehren wird, der dann die Einen von den Anderen rigoros scheiden wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im sch&#246;nen Deutsch der Lutherbibel liest sich das Gleichnis (aus Matth&#228;us 25) so:&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;i&gt;Von den klugen und t&#246;richten Jungfrauen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen aus, dem Br&#228;utigam entgegen. Aber f&#252;nf unter ihnen waren t&#246;richt, und f&#252;nf waren klug. Die t&#246;richten nahmen &#214;l in ihren Lampen; aber sie nahmen nicht &#214;l mit sich. Die klugen aber nahmen &#214;l in ihren Gef&#228;&#223;en samt ihren Lampen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Da nun der Br&#228;utigam verzog [auf sich warten lie&#223;], wurden sie alle schl&#228;frig und schliefen ein. Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Br&#228;utigam kommt; geht aus ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und schm&#252;ckten ihre Lampen [machten sie zurecht].&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Die t&#246;richten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem &#214;l, denn unsere Lampen verl&#246;schen. Da antworteten die Klugen und sprachen: Nicht also, auf da&#223; nicht uns und euch gebreche [es nicht gen&#252;ge]; geht aber hin zu den Kr&#228;mern und kauft f&#252;r euch selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Und da sie hingingen, zu kaufen, kam der Br&#228;utigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die T&#252;r ward verschlossen. Zuletzt kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich ich sage euch: Ich kenne euch nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; Darum wachet; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sich denken l&#228;sst, ist dieses Gleichnis bis heute jeglicher m&#246;glichen Interpretation unterzogen worden, sei es unter eschatologischen, psychologischen oder feministischen Gesichtspunkten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings erz&#228;hlt das Gleichnis schlicht davon, dass im &#252;bertragenen Sinn die Braut auf das Erscheinen des Br&#228;utigams wartet, wie das im Nahen Osten zu der Zeit, als die Bibel niedergeschrieben wurde, &#252;blich war. Demnach ging der Br&#228;utigam abends zum Anwesen der Braut, wo ihn die Brautjungfern empfingen und ins Haus geleiteten. Doch er versp&#228;tete sich ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Ursprung auch dieser Geschichte aus der j&#252;dischen Tradition findet sich an den gotischen Kirchen als groteske Analogie: Begleitet wird die Konstellation der zehn verschiedenen Frauengestalten oft von den beiden Figuren der personifizierten Kirche, der Ecclesia, und der Synagoge, dem Judentum. W&#228;hrend die Ecclesia die Himmelskrone tr&#228;gt, dazu an einem Stab das Kreuz und den Kelch mit dem Blut Christi (als Zeichen seines Opfertodes), hat die Synagoge ihre Krone verloren, ihr Stab ist gebrochen, ihr heiliges Buch, die Thora, h&#228;lt sie unter sich in der herabgesunkenen Hand und ihre Augen sind verbunden, Ausdruck daf&#252;r, dass sie den (christlichen) Heiland nicht erkannt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Freiburger Vorhalle steht die Ecclesia links am Eingangsportal gleich im Anschluss an die klugen Jungfrauen, die Synagoge ihr gegen&#252;ber, diese aber noch mit einer Krone versehen, ein Zeichen daf&#252;r, dass ihr Kopf nicht original ist. Er wurde in sp&#228;terer Zeit hinzugef&#252;gt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Jungfrauen sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie in der rechten Hand jeweils eine Lampe halten. Die klugen Jungfrauen halten die Schale dieser Lampe nach oben, die t&#246;richten nach unten, haben sie doch kein &#214;l mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nirgendwo sonst wie am Freiburger M&#252;nster wird dem Gl&#228;ubigen das Gleichnis von den zehn klugen und t&#246;richten Jungfrauen so dicht und nah pr&#228;sentiert: Tats&#228;chlich stehen die Frauenfiguren direkt an der Pforte zur Kirche, wobei Maria auf dem Trumeau vor dem Portal die kirchliche Mutter personifiziert, die selbst am Ende aller Zeiten mit Christus verm&#228;hlt wird. Wiederum diente die Vorhalle im Mittelalter auch als Gerichtshalle, wo ebenfalls mit entscheidender Bedeutung ein Urteil gef&#228;llt wurde.&lt;br class='autobr' /&gt;
Obendrein werden die Figuren der Ecclesia und der Synagoge am Hallenausgang gewisserma&#223;en gespiegelt. Denn dort stehen die personifizierten Verf&#252;hrungen in den Figuren des F&#252;rsten der Welt und der Frau Welt auf der einen Seite, die mit am meisten verehrten Heiligen in den Figuren der Katharina und Margaretha auf der anderen Seite, versehen mit den schriftlichen Warnungen: Fallt nicht in Versuchung!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So bewegt man sich in der Vorhalle des Freiburger M&#252;nsters in dem symbolischen Spannungsfeld zwischen dem richtigen und falschen Glauben, zwischen Zweifel und Hoffnung, zwischen Erl&#246;sung und Verdammnis, zusammengefasst in dem Ausspruch am Ende des Gleichnisses: &#8222;Darum wachet; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde.&#8220;&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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